Geschichte der Zigarette
Kein Tabakprodukt hat die Konsumgeschichte der letzten anderthalb Jahrhunderte so geprägt wie die Zigarette – und keines hat einen so tiefen Absturz erlebt: vom Abfallprodukt der Zigarrenfabriken zum Alltagsgut ganzer Gesellschaften, von der Soldatenration und der Nachkriegswährung zum Sinnbild von Freiheit und Weltläufigkeit, und schließlich zum am dichtesten regulierten Konsumgut der Gegenwart. Diese Seite folgt diesem Weg von den Papelitos Sevillas über die Bonsack-Maschine, das Markenzeitalter und die Weltkriege bis zur wissenschaftlichen Wende, den großen Prozessen und der Regulierung von heute.
Inhalt
- Vorgeschichte: Tabak, Papier und die Papelitos
- Krimkrieg und Orient: die Zigarette kommt nach Europa
- 1881: Bonsack, Duke und die Maschine
- Markenzeitalter und Massenkonsum
- Frauen und Zigarette: Fackeln der Freiheit
- Weltkriege und Zigarettenwährung
- Werbegeschichte: vom Marlboro-Mann zum HB-Männchen
- 1950: Die Wende der Erkenntnis
- Zweifel als Produkt: die Antwort der Industrie
- Die großen Prozesse und das Master Settlement Agreement
- Regulierung und Niedergang
- Die Zigarette heute
- Zeitleiste
Vorgeschichte: Tabak, Papier und die Papelitos
Die Zigarette ist ein junges Produkt, ihr Rohstoff ein alter. Tabak wurde in Amerika seit Jahrtausenden in der Pfeife geraucht, gekaut, geschnupft und als Zigarre gerollt – und bei Maya und Azteken auch in Röhrchen aus Schilf oder Maisblatt gestopft, dem entferntesten Vorfahren der Zigarette. Mit den Spaniern kam die Pflanze nach Europa, wo sie im 16. und 17. Jahrhundert zuerst als Heilmittel, dann als Genussmittel Verbreitung fand. Wie Anbau und Verarbeitung sich entwickelten, beschreibt ausführlich die Seite Geschichte des Tabaks.
Sevilla: das Abfallprodukt der Zigarrenfabrik
Der eigentliche Ursprung der Zigarette liegt in Sevilla. Dort verwaltete die spanische Krone ihr Tabakmonopol, und dort entstand im 18. Jahrhundert mit der Königlichen Tabakfabrik einer der größten Industriebauten Europas, in dem Tausende Beschäftigte Schnupftabak mahlten und Zigarren rollten. Wo so viel Tabak verarbeitet wird, fällt Abfall an: Bruch, Staub, Reste. Die Armen der Stadt sammelten sie und die weggeworfenen Zigarrenstummel der Wohlhabenden, zerkrümelten sie und wickelten sie in ein Stück Papier. So entstand der Papelito, das „Papierchen“, später auch Cigarrillo genannt: die kleine, billige Papierzigarre, die man selbst drehte und in wenigen Zügen aufrauchte – von Anfang an ein Produkt der Verwertung und der Unterschicht, was ihr Ansehen über ein Jahrhundert lang prägen sollte.
Aus dem Straßenprodukt wurde bald ein Fabrikprodukt: In Sevilla und in den spanischen Kolonien, vor allem auf Kuba, begann man, Papelitos in Handarbeit vorzudrehen und gebündelt zu verkaufen. Die Rollerinnen der Sevillaner Fabrik, die cigarreras, wurden zu einer Institution der Stadt; Prosper Mérimée machte eine von ihnen 1845 zur Titelfigur seiner Novelle „Carmen“, aus der Georges Bizet seine Oper formte. Dass die berühmteste Opernheldin des 19. Jahrhunderts eine Zigarettenarbeiterin ist, sagt viel über den Ruf des Produkts: sinnlich, südlich, ein wenig anrüchig.
Paris: der Name
Nach Frankreich gelangte das Papierröllchen mit Soldaten und Reisenden während und nach den napoleonischen Kriegen auf der Iberischen Halbinsel. Die französische Sprache gab ihm den Namen, der sich weltweit durchsetzen sollte: cigarette, die kleine Zigarre. Das französische Staatsmonopol nahm um die Mitte der 1840er-Jahre die fabrikmäßige Herstellung auf und gehörte damit zu den ersten industriellen Zigarettenproduzenten überhaupt.
Wichtig für alles Weitere ist, was die Zigarette schon damals von der Zigarre unterschied: Sie war klein, schnell geraucht, billig, und ihr Rauch war mild genug, um inhaliert zu werden. Zigarrenrauch wird im Mund aufgenommen; der mildere Rauch heller Tabake lässt sich in die Lunge ziehen, wo das Nikotin binnen Sekunden das Gehirn erreicht. Das erklärt, warum ausgerechnet das unscheinbarste Tabakprodukt zum verbreitetsten und gefährlichsten wurde (siehe Gesundheit).
Krimkrieg und Orient: die Zigarette kommt nach Europa
Während die Zigarette in Spanien und Frankreich Fuß fasste, hatte sich im Osmanischen Reich, in Ägypten und in Russland eine eigene Kultur des Papierröllchens entwickelt – mit den feinen, sonnengetrockneten Orienttabaken aus Mazedonien, Thrakien und Anatolien. In Russland entstand die Papirossa, eine Zigarette mit langem, hohlem Mundstück aus Pappe, die im Osten Europas bis weit ins 20. Jahrhundert die vorherrschende Form blieb. Die Begriffe dieser Welt erklärt das Glossar.
Zum Katalysator für Westeuropa wurde der Krimkrieg von 1853 bis 1856. Britische und französische Soldaten kämpften an der Seite osmanischer Truppen gegen Russland und lernten dabei das Zigarettenrauchen ihrer Verbündeten – und ihrer Gegner – kennen. Die Zigarette passte in den Feldzug wie kein anderes Tabakprodukt: Sie brauchte keine Pfeife, keine Ruhe, war in Minuten geraucht und ließ sich in der Mütze verstauen. Wer aus dem Krieg zurückkam, brachte die Gewohnheit mit. Der Londoner Tabakhändler Philip Morris, seit 1847 mit einem Laden in der Bond Street, begann Mitte der 1850er-Jahre mit der Herstellung eigener Zigaretten; der Krimveteran Robert Peacock Gloag eröffnete 1856 die erste britische Zigarettenfabrik. Beide Gründungen markieren den Beginn der Zigarettenindustrie in England.
Dresden und die Anfänge in Deutschland
Nach Deutschland kam die Zigarette aus dem Osten. 1862 gründete der aus Sankt Petersburg stammende Unternehmer Joseph Huppmann in Dresden die Compagnie Laferme, die als erste Zigarettenfabrik Deutschlands gilt. Dresden lag günstig: nah an den Handelswegen aus dem Orient und mit einer leistungsfähigen Maschinen- und Papierindustrie. Im Umfeld von Laferme entstanden Dutzende weitere Betriebe; um 1900 war die sächsische Hauptstadt die unbestrittene Zigarettenhauptstadt des Deutschen Reichs. Die 1909 fertiggestellte Fabrik der Marke Yenidze, gebaut in Gestalt einer Moschee mit Glaskuppel und Minarett-Schornstein, steht noch heute am Dresdner Elbufer als Denkmal dieser Epoche. Bis zum Zweiten Weltkrieg blieb die deutsche Zigarette eine Orientzigarette – hell, fein geschnitten, würzig.
Handarbeit war in allen diesen Fabriken die Regel, und Handarbeit hieß fast immer Frauenarbeit. Eine geübte Rollerin schaffte einige tausend Zigaretten am Tag: Sie wog den Tabak ab, legte ihn in ein Papierblatt, rollte, klebte die Naht und beschnitt die Enden. Die Löhne waren niedrig, die Arbeitstage lang. Das einzelne Stück blieb dennoch teuer im Vergleich zu Pfeifentabak, und die Zigarette des 19. Jahrhunderts war entweder ein Luxusprodukt oder – als Selbstgedrehte – ein Armeleuteprodukt. Der Massenmarkt dazwischen fehlte. Er entstand erst mit der Maschine.
1881: Bonsack, Duke und die Maschine

Die Zigarettenindustrie der 1870er-Jahre hatte ein Kapazitätsproblem. In den Vereinigten Staaten wuchs die Nachfrage schneller, als sich Rollerinnen anlernen ließen, und das Unternehmen Allen & Ginter in Richmond, einer der größten Hersteller des Landes, setzte ein hohes Preisgeld für eine funktionierende Zigarettenmaschine aus.
Die Lösung fand James Albert Bonsack, ein junger Mann aus Virginia, der 1881 eine Maschine patentieren ließ, deren Prinzip bis heute gilt: Sie rollte nicht einzelne Zigaretten, sondern formte aus einem stetigen Strom von Schnitttabak einen Endlosstrang, hüllte ihn in ein von der Rolle laufendes Papierband, verklebte die Naht und schnitt den Strang mit einem rotierenden Messer in gleich lange Stücke. Die Bonsack-Maschine schaffte einige hundert Zigaretten in der Minute und an einem Tag so viel wie Dutzende Rollerinnen. Wie aus diesem Prinzip die heutigen Strangmaschinen entstanden, beschreibt die Seite Aufbau einer Zigarette.
Allen & Ginter allerdings zögerte: Die Maschine war störanfällig, und man fürchtete, die Kundschaft werde die handgerollte Zigarette vorziehen. Diese Zurückhaltung nutzte James Buchanan Duke, genannt „Buck“, Sohn eines Tabakbauern aus Durham in North Carolina, der den Familienbetrieb auf Zigaretten umgestellt hatte. 1884 stellte Duke die Bonsack-Maschine in seiner Fabrik auf, ließ einen Mechaniker des Herstellers ihre Kinderkrankheiten beheben und handelte im Gegenzug einen geheimen Lizenzvertrag aus, der ihm dauerhaft niedrigere Gebühren sicherte als jedem Wettbewerber. Innerhalb weniger Jahre produzierte Duke einen größeren Anteil der amerikanischen Zigaretten als jeder einzelne Wettbewerber.
Der Trust
Was Duke mit der Kostenersparnis anfing, ist ebenso wichtig wie die Maschine selbst. Er steckte einen für die Zeit unerhörten Anteil seiner Erlöse in Werbung: Plakate, Zeitungsanzeigen, Sammelbilder mit Schauspielerinnen und Sportlern, die als Versteifung in die Weichpackungen gelegt wurden, Prämien für Händler. Er verkaufte billiger als die Konkurrenz und zwang sie so 1890 in einen Zusammenschluss: die American Tobacco Company, die unter Dukes Führung den größten Teil des amerikanischen Zigarettenmarkts kontrollierte. Um 1900 griff der „Tobacco Trust“ nach Großbritannien; die dortigen Hersteller schlossen sich 1901 zur Imperial Tobacco Company zusammen, und der „Tabakkrieg“ endete 1902 mit einem Kompromiss: Beide Seiten teilten die Heimatmärkte unter sich auf und gründeten für die Exportmärkte gemeinsam die British American Tobacco. 1911 zerschlug der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten den Trust nach dem Sherman-Kartellgesetz – unter anderem in American Tobacco, R. J. Reynolds, Liggett & Myers und Lorillard, also genau jene Konzerne, die das Markenzeitalter prägen sollten.
Gegenwind: „Sargnägel“ und Zigarettenverbote
Die Zigarette war um 1900 keineswegs unumstritten. Gerade weil sie billig, schnell und inhalierbar war, galt sie vielen als Laster der Jugend und der Unterschicht – im Unterschied zur ehrbaren Pfeife und zur bürgerlichen Zigarre; im amerikanischen Englisch bürgerte sich das Wort coffin nails, Sargnägel, ein. Reformbewegungen aus dem Umfeld der Alkoholprohibition erreichten, dass mehrere US-Bundesstaaten den Verkauf von Zigaretten zeitweise ganz untersagten; Henry Ford veröffentlichte 1914 eine Streitschrift gegen den „kleinen weißen Sklavenhalter“. Die Kritik galt weniger den kaum bekannten Gesundheitsgefahren als dem vermeintlichen Sittenverfall, und die Verbote hielten nicht: Der Erste Weltkrieg und der Aufstieg der Markenzigarette fegten sie hinweg.
Markenzeitalter und Massenkonsum
Die Zerschlagung des Trusts entfesselte den Wettbewerb – und mit ihm ein neues Instrument: die national beworbene Markenzigarette mit fester Rezeptur. Den Anfang machte 1913 die R. J. Reynolds Tobacco Company aus Winston-Salem mit Camel. Die Marke mischte heißluftgetrockneten Virginia, luftgetrockneten Burley und Orienttabak zu dem, was seither American Blend heißt – milder und süßer als die reinen Virginiazigaretten der Konkurrenz und gut zu inhalieren. Sie wurde in nur einer Sorte und einer Packung angeboten, im ganzen Land zum selben Preis, und mit einer der ersten Teaser-Kampagnen der Werbegeschichte eingeführt: Tagelang kündigten Anzeigen nur an, dass „die Kamele kommen“. Camel wurde binnen weniger Jahre zur meistverkauften Zigarette der Vereinigten Staaten; American Tobacco antwortete mit Lucky Strike, Liggett & Myers stellte Chesterfield auf die neue Mischung um.
Zur Marke gehörte die Verpackung: Die Zigarettenschachtel mit festem Layout, Farben und Wappentier wurde zu einem der ersten weltweit erkennbaren Markenzeichen überhaupt. Sammelbilder blieben jahrzehntelang das wichtigste Bindungsinstrument – Serien zu Schauspielern, Fußballern oder Flugzeugen ließen sich nur durch fortgesetzten Kauf vervollständigen. In Deutschland gab der Sammelbilderdienst von Reemtsma in den 1930er-Jahren Alben über Filmstars und Olympische Spiele heraus – und, im Dienst des Regimes, über die Führungsfiguren des Nationalsozialismus.
Deutschland: Reemtsma und die Orientzigarette
Die deutsche Industrie folgte dem amerikanischen Muster mit eigenen Akzenten. Der wichtigste Aufsteiger war das Unternehmen der Familie Reemtsma, 1910 in Erfurt gegründet, das nach dem Ersten Weltkrieg nach Altona bei Hamburg zog und in den 1920er-Jahren durch Mechanisierung, aggressive Preispolitik und Übernahmen zum größten Zigarettenhersteller des Kontinents wurde. Seine Marken – darunter Ernte 23 – gehörten zu den bekanntesten Konsumgütern der Weimarer Republik; daneben behaupteten sich Haus Neuerburg in Köln mit Overstolz, die Berliner Josetti-Werke mit Juno („Aus gutem Grund ist Juno rund“) und die Dresdner Hersteller mit Marken wie Eckstein und Salem. Es blieben Orientzigaretten ohne den Burley und die Soßen des American Blend; der amerikanische Geschmack kam erst nach 1945 mit den Besatzungssoldaten.
Die nationalsozialistische Herrschaft brachte eine Doppelgesichtigkeit, die in der Geschichte der Zigarette einzigartig ist. Einerseits betrieb das Regime eine für die Zeit beispiellos aggressive Anti-Tabak-Politik: Rauchverbote in Dienststellen und Verkehrsmitteln, Werbebeschränkungen, Kampagnen gegen das Rauchen von Frauen und Jugendlichen und in Jena ein eigenes Institut zur Erforschung der Tabakgefahren, aus dem 1943 eine der frühesten Fall-Kontroll-Studien zu Rauchen und Lungenkrebs hervorging. Andererseits war die Zigarette Teil der Wehrmachtsverpflegung, die Tabaksteuer für den Staatshaushalt unverzichtbar, und die SA betrieb mit der Dresdner Sturm-Zigarettenfabrik sogar eine eigene Marke. Reemtsma, gegen den die SA-Konkurrenz zunächst agitierte, arrangierte sich mit dem Regime und wuchs weiter. Der Zigarettenkonsum stieg in den 1930er-Jahren trotz aller Kampagnen; erst der Krieg mit Rationierung und Rohstoffmangel drückte ihn.
Um die Mitte des 20. Jahrhunderts rauchte in den meisten Industrieländern die Mehrheit der erwachsenen Männer. Die Zigarette war überall: im Büro, im Zug, im Kino, im Krankenhaus, im Cockpit; sie gehörte zur Handlung jedes Films und zur Ausstattung jedes Wohnzimmers, wo Aschenbecher und Zigarettendose für Gäste bereitstanden. Eine solche Selbstverständlichkeit hat unter Konsumgütern kaum eine Parallele.
Frauen und Zigarette: Fackeln der Freiheit
Bis in die 1920er-Jahre war die rauchende Frau in Europa und Nordamerika ein Bild des Anstoßes. Zigaretten galten in bürgerlichen Kreisen als Kennzeichen der Halbwelt, in vielen Restaurants und Zügen war Frauen das Rauchen untersagt, und die Hersteller wagten es lange nicht, Frauen in ihren Anzeigen überhaupt zu zeigen. Zugleich wusste die Industrie, dass sie mit den Männern nur die Hälfte des möglichen Marktes erreichte. Der Erste Weltkrieg, in dem Frauen die Plätze der Männer in Fabriken und Büros einnahmen, und die „Neue Frau“ der Zwanzigerjahre mit Bubikopf, kurzem Kleid und Zigarettenspitze schufen die Gelegenheit, dieses Tabu zu brechen.
Den Anfang machte American Tobacco mit Lucky Strike. 1928 richtete sich die Kampagne „Reach for a Lucky instead of a sweet“ ausdrücklich an Frauen und verknüpfte die Zigarette mit Schlankheit – ein Versprechen, gegen das die Süßwarenindustrie öffentlich protestierte. Zugleich engagierte der Konzernchef George Washington Hill Edward Bernays, den Neffen Sigmund Freuds, der sich als Begründer der modernen Öffentlichkeitsarbeit verstand. Bernays holte den Rat des Psychoanalytikers Abraham Brill ein, der die Zigarette als Symbol männlicher Macht deutete – und folgerte, man müsse sie zum Symbol weiblicher Befreiung machen. Am Ostersonntag 1929 ließ er während der Osterparade auf der New Yorker Fifth Avenue eine Gruppe junger Frauen aus guter Gesellschaft demonstrativ Zigaretten anzünden, nachdem er die Presse vorab wissen ließ, dass hier „Fackeln der Freiheit“ entzündet würden. Die Zeitungen berichteten landesweit, und die Inszenierung ging als Musterbeispiel in die Geschichte von Werbung und Propaganda ein: Ein Konzerninteresse war in die Sprache der Emanzipation übersetzt worden, ohne dass der Auftraggeber sichtbar wurde.
Der Erfolg war durchschlagend. Der Anteil rauchender Frauen stieg in den Vereinigten Staaten und Westeuropa seit den 1930er-Jahren stetig, etwa eine Generation hinter den Männern. In Deutschland wurde die rauchende Frau nach 1945 zum Bild der Selbstständigkeit und später der Gleichberechtigung; international bediente die Industrie das mit eigens entworfenen Marken – schlank, lang, in hellen Packungen –, deren bekannteste, Virginia Slims, ab 1968 mit „You've come a long way, baby“ die Frauenbewegung direkt zitierte. Die Kehrseite zeigte sich erst Jahrzehnte später: Weil Frauen später zu rauchen begannen als Männer, erreichten ihre Erkrankungen später ihren Höhepunkt. Während die Lungenkrebsraten der Männer in Deutschland seit den 1990er-Jahren sinken, stiegen die der Frauen noch lange an – ein Spiegelbild der Werbegeschichte mit vierzig Jahren Verzögerung. Welche zusätzlichen Risiken Frauen tragen, etwa in der Schwangerschaft, beschreibt die Seite Gesundheit.
Weltkriege und Zigarettenwährung

Erster Weltkrieg: Die Zigarette verdrängt Pfeife und Zigarre
Kein Ereignis hat die Zigarette so schnell verbreitet wie der Erste Weltkrieg. Im Schützengraben war die Pfeife unpraktisch und die Zigarre zu lang; die Zigarette ließ sich zwischen zwei Feuerüberfällen rauchen, mit hohler Hand im Regen anzünden und in der Brusttasche tragen. Sie dämpfte Hunger, Angst und Langeweile und war eines der wenigen Vergnügen, das die Armeen ihren Soldaten in großen Mengen verschaffen konnten. Auf allen Seiten wurde sie Teil der Verpflegung: Die Heeresverwaltungen kauften Zigaretten in Milliardenstückzahlen, Hilfsorganisationen sammelten Spenden für „Liebesgaben“ an die Front. Der amerikanische Oberbefehlshaber John Pershing wird mit der Aussage zitiert, Tabak sei für den Sieg so nötig wie Munition.
Millionen junger Männer kehrten als Zigarettenraucher zurück – und blieben es. Vor dem Krieg hatten Kautabak, Pfeife und Zigarre dominiert, in den 1920er-Jahren war die Zigarette in den Vereinigten Staaten wie in Europa zur wichtigsten Konsumform aufgestiegen. Sie hatte zudem ihren anrüchigen Ruf verloren: Was der Frontsoldat rauchte, konnte kein Laster der Halbwelt mehr sein.
Zweiter Weltkrieg
Im Zweiten Weltkrieg wiederholte sich das Muster in größerem Maßstab. Zigaretten lagen in den Feldrationen der amerikanischen Armee und wurden in Milliardenstückzahlen über den Atlantik verschifft; American Tobacco verkündete 1942, das Grün der Lucky-Strike-Packung sei „in den Krieg gezogen“, und stellte auf das weiße Design um, das die Marke bis heute trägt. Die Wehrmacht teilte täglich Zigaretten zu, die Rote Armee groben Machorka-Tabak zum Selbstdrehen. Für die Zivilbevölkerung wurde Tabak rationiert; in Deutschland gab es Raucherkarten, Frauen erhielten weniger als Männer, und die Zigarette begann schon in den Kriegsjahren, die Rolle eines Tauschmittels zu spielen.
Die Zigarettenwährung
Nach dem Zusammenbruch 1945 wurde daraus ein Währungssystem. Die Reichsmark hatte ihre Kaufkraft verloren, die Läden waren leer, der Schwarzmarkt regelte den Alltag – und auf ihm wurde in Zigaretten gerechnet. Die Zigarettenwährung der Jahre 1945 bis 1948 hatte alle Eigenschaften einer echten Währung: Zigaretten waren knapp, haltbar, teilbar, leicht zu transportieren, überall gefragt und in ihrer Qualität standardisiert. Als Leitwährung galten amerikanische Marken – Camel, Lucky Strike, Chesterfield –, die über Besatzungssoldaten, Militärläden und Pakete aus Übersee ins Land kamen. Einzelne Stücke wurden gehandelt, Stummel gesammelt und zu neuen Zigaretten aufgedreht, und der „Kippensammler“ wurde zur Gestalt der Trümmerjahre. Preise für Lebensmittel, Kleidung und Wertsachen wurden in Zigaretten umgerechnet; eine Stange amerikanischer Zigaretten konnte ein Fahrrad oder eine Kamera bedeuten. Die Währungsreform vom Juni 1948 beendete das System über Nacht.
Die drei Jahre hatten jedoch ihren Geschmack hinterlassen. Die Deutschen hatten sich an den American Blend gewöhnt, und als die westdeutsche Industrie in den 1950er-Jahren wieder aufblühte, verloren die alten Orientmarken; neue Marken im amerikanischen Stil – allen voran HB der British American Tobacco und Peter Stuyvesant von Reemtsma – wurden die Zigaretten des Wirtschaftswunders. In der DDR blieb der Staat Hersteller; Marken wie f6 aus Dresden, Cabinet, Club und die filterlose Karo versorgten den ostdeutschen Markt bis 1990, und Westzigaretten waren dort begehrte Tauschware. Einen Überblick über die Rohstoffe hinter diesem Wandel gibt die Seite Tabaksorten.
Werbegeschichte: vom Marlboro-Mann zum HB-Männchen
Die Zigarette ist ein physisch nahezu austauschbares Produkt; die Unterschiede zwischen den Marken liegen in Nuancen der Rezeptur – und in allem, was die Werbung ihnen hinzufügte. Kein anderes Konsumgut hat deshalb so konsequent auf Bilder gesetzt.
Der Marlboro-Mann
Die bekannteste Werbefigur der Branche entstand aus einer Verlegenheit. Marlboro – benannt nach der Great Marlborough Street in London, wo Philip Morris seine erste Fabrik hatte – war 1924 in den Vereinigten Staaten als Damenzigarette eingeführt worden, „mild wie der Mai“, mit rot gefärbtem Mundstück, das Lippenstiftspuren verbergen sollte, und blieb unbedeutend. Als in den frühen 1950er-Jahren die ersten Krebsstudien die Nachfrage nach Filterzigaretten sprunghaft steigen ließen, suchte Philip Morris eine Filtermarke für Männer, die dem Filter den Ruf des Weibischen nehmen sollte. Die Chicagoer Agentur von Leo Burnett fand 1954 die Antwort: Marlboro wurde zur Zigarette starker, wortkarger Männer – vor allem des Cowboys –, verpackt in der neu entworfenen roten Klappschachtel. Der Marlboro-Mann war geboren, und ab 1963 bekam er mit dem „Marlboro Country“, der weiten Landschaft des amerikanischen Westens und der Filmmusik aus „Die glorreichen Sieben“, seine Bühne. Marlboro stieg zur meistverkauften Zigarette der Welt auf, die sie seit den 1970er-Jahren geblieben ist. Mehrere Darsteller des Cowboys starben an Krankheiten des Rauchens; einer von ihnen, Wayne McLaren, trat in seinen letzten Lebensjahren öffentlich gegen die Zigarette auf.
Das HB-Männchen und die deutschen Klassiker
In Deutschland entstand zur selben Zeit eine Werbefigur ganz anderer Art. Die British American Tobacco hatte 1955 mit HB eine der ersten deutschen Filterzigaretten im American-Blend-Stil auf den Markt gebracht und bewarb sie ab 1957 mit den Zeichentrickfilmen des Grafikers Roland Töpfer: Das HB-Männchen, ein cholerischer kleiner Kerl namens Bruno, scheitert an einer Alltagslage, gerät in Rage und steigt buchstäblich in die Luft, bis ihn eine Stimme aus dem Off bremst: „Halt, mein Freund! Wer wird denn gleich in die Luft gehen? Greife lieber zur HB!“ Mit der Zigarette kehrt die Ruhe ein, „dann geht alles wie von selbst“. Die Spots liefen in Kino und Fernsehen bis 1984 und machten HB in den 1960er-Jahren zur meistverkauften Zigarette der Bundesrepublik. Die Botschaft – Rauchen als Mittel gegen den Ärger des Alltags – war die kleinbürgerliche Variante des Freiheitsversprechens, das der Cowboy verkörperte.
Weitere deutsche Kampagnen wurden Teil der Alltagssprache: Peter Stuyvesant versprach ab den 1960er-Jahren „den Duft der großen weiten Welt“; Camel schickte in den 1970er- und 1980er-Jahren einen Abenteurer mit zerschlissenem Stiefel durch Dschungel und Wüste, der „meilenweit“ für eine Zigarette ging; West, 1981 eingeführt, ließ ab Ende der 1980er-Jahre mit „Test the West“ Prominente und Sonderlinge auftreten. Das Muster ist immer dasselbe: Nicht das Produkt wird gezeigt, sondern eine Welt, in der es selbstverständlich ist.
Ärzte, Sport und Zeichentrick
Drei weitere Kapitel erklären, warum die Regulierung später gerade bei der Werbung ansetzte. Das erste ist die Ärztewerbung: Bis in die 1950er-Jahre warben Hersteller mit Medizinern in weißen Kitteln; Camel behauptete jahrelang, mehr Ärzte rauchten Camel als jede andere Marke, gestützt auf Umfragen, die die eigene Werbeagentur auf Ärztekongressen durchführte, nachdem sie dort Gratispackungen verteilt hatte. Das zweite ist das Sponsoring, das nach den ersten Werbeverboten die Lücke füllte: Formel 1, Motorradrennen, Tennis und Musikfestivals trugen jahrzehntelang die Farben von Marlboro, Camel, West oder John Player Special, bis auch dieser Weg in Europa Mitte der 2000er-Jahre geschlossen wurde. Das dritte ist Joe Camel: Die 1988 in den Vereinigten Staaten eingeführte Zeichentrickfigur eines lässigen Dromedars war bei Kindern binnen weniger Jahre so bekannt wie Micky Maus, wie Studien Anfang der 1990er-Jahre zeigten; sie wurde zum Symbol des Vorwurfs, die Werbung werbe Jugendliche als Nachwuchsraucher an, und 1997 unter dem Druck von Behörden und Klagen eingestellt. Wo heute im Film und auf der Bühne geraucht wird, brennen meist nikotinfreie Requisiten – die Seite Film und Bühne auf kraeuterzigaretten.com beschreibt diese Praxis.
| Kampagne / Figur | Marke | Zeitraum | Botschaft |
|---|---|---|---|
| Sammelbilder in der Packung | Allen & Ginter, Duke u. a. | ab 1880er-Jahre | Kundenbindung durch Serien; Vorläufer der Zigarettenalben |
| „The Camels are coming“ / „I'd walk a mile for a Camel“ | Camel (USA) | 1913 / 1921 | erste nationale Teaser-Kampagne; Markentreue |
| „Reach for a Lucky instead of a sweet“ | Lucky Strike | 1928 | Schlankheit; erste große Kampagne für Frauen |
| „Torches of Freedom“ (Edward Bernays) | Lucky Strike | 1929 | Zigarette als Symbol weiblicher Emanzipation |
| „More doctors smoke Camels“ | Camel | 1946–1952 | ärztliche Autorität als Unbedenklichkeitsversprechen |
| Marlboro-Mann, Marlboro Country | Marlboro | ab 1954 | Männlichkeit, Freiheit, Weite; der Filter ohne Weichheit |
| HB-Männchen „Bruno“ | HB (Deutschland) | 1957–1984 | Zigarette als Beruhigung im Alltag |
| „Der Duft der großen weiten Welt“ | Peter Stuyvesant (Deutschland) | ab 1960er-Jahre | Weltläufigkeit, Reisen, Moderne |
| „You've come a long way, baby“ | Virginia Slims | ab 1968 | Frauenbewegung als Werbebotschaft |
| Camel-Mann mit zerrissenem Stiefel | Camel (Deutschland) | 1970er–1980er | Abenteuer, Naturnähe |
| „Test the West“ | West (Deutschland) | ab Ende der 1980er-Jahre | Ironie, Popkultur, junges Publikum |
| Joe Camel | Camel (USA) | 1988–1997 | Zeichentrick; Vorwurf der Jugendansprache |
| Motorsport-Sponsoring | Gold Leaf, JPS, Marlboro, Camel, West u. a. | 1968 bis Mitte 2000er | Umgehung der Werbeverbote über den Sport |
1950: Die Wende der Erkenntnis
Dass Rauchen schadet, war eine alte Vermutung; im frühen 20. Jahrhundert fiel Pathologen auf, dass der bis dahin seltene Lungenkrebs häufiger wurde – parallel zur Verbreitung der Zigarette. Der Dresdner Arzt Fritz Lickint sammelte in den 1920er- und 1930er-Jahren Hunderte Belege für den Zusammenhang, prägte den Begriff des „Passivrauchens“ und veröffentlichte 1939 sein Handbuch „Tabak und Organismus“; im selben Jahr legte der Kölner Arzt Franz Hermann Müller die erste Fall-Kontroll-Studie vor, die unter Lungenkrebskranken deutlich mehr starke Raucher fand als unter Gesunden. Diese deutschen Vorarbeiten blieben im Ausland fast unbekannt – teils wegen des Krieges, teils weil sie im Umfeld der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik entstanden waren und nach 1945 mit ihr in Verruf gerieten.
Doll, Hill und die Ärzte
Die entscheidende Wende kam 1950, und sie kam von zwei Seiten zugleich. In London veröffentlichten der Epidemiologe Richard Doll und der Statistiker Austin Bradford Hill im British Medical Journal eine Studie, für die sie Lungenkrebspatienten Londoner Krankenhäuser mit anderen Patienten verglichen hatten: Fast alle Lungenkrebskranken waren Raucher, und je mehr sie geraucht hatten, desto stärker war der Zusammenhang. Im selben Jahr erschien in den Vereinigten Staaten die Arbeit von Ernst Wynder und Evarts Graham mit demselben Befund. Um dem Einwand zu begegnen, Kranke erinnerten sich verzerrt, begannen Doll und Hill 1951 die British Doctors' Study: Sie befragten alle britischen Ärzte nach ihren Rauchgewohnheiten und verfolgten anschließend, woran sie starben. Schon die ersten Auswertungen von 1954 zeigten eine mit dem Konsum steigende Lungenkrebssterblichkeit; die Studie lief fünfzig Jahre weiter und lieferte 2004 die bis heute gültige Bilanz: Wer lebenslang raucht, verliert im Durchschnitt etwa zehn Lebensjahre; wer früh im Erwachsenenalter aufhört, gewinnt fast alle davon zurück, und selbst wer erst mit fünfzig aufhört, noch etwa die Hälfte.
Der Surgeon General und die Folgen
In den 1950er-Jahren verdichteten sich die Befunde: Tierversuche zeigten, dass Zigarettenkondensat auf der Haut von Mäusen Tumoren erzeugt, Pathologen beschrieben Krebsvorstufen in den Bronchien Rauchender, Kohortenstudien erweiterten die Ergebnisse auf Herzinfarkt, chronische Bronchitis und weitere Krebsarten. 1962 fasste das Royal College of Physicians in London den Stand in einem viel beachteten Bericht zusammen. Am 11. Januar 1964 – an einem Samstag, um die Börse nicht zu beunruhigen – stellte der amerikanische Surgeon General Luther Terry den Bericht seines Beratungsausschusses vor: Zigarettenrauchen sei eine Ursache von Lungenkrebs und chronischer Bronchitis und ein so gewichtiges Gesundheitsproblem, dass Gegenmaßnahmen geboten seien. Der Surgeon General's Report gilt als Wendepunkt der Tabakpolitik: Ab 1966 mussten amerikanische Packungen Warnhinweise tragen, 1971 verschwand die Zigarettenwerbung aus Radio und Fernsehen der Vereinigten Staaten, und der Raucheranteil der Männer begann zu sinken.
Das nächste große Kapitel betraf die Nichtrauchenden. 1981 zeigte eine japanische Studie an nichtrauchenden Ehefrauen rauchender Männer, dass auch das Passivrauchen das Lungenkrebsrisiko erhöht; 1986 widmete der Surgeon General dem Thema einen eigenen Bericht, und in den 1990er-Jahren stufte die amerikanische Umweltbehörde Tabakrauch in der Raumluft als krebserregend ein. Rauchen war damit nicht mehr nur ein Risiko, das man für sich selbst einging, sondern eines, das man anderen zumutete – die Grundlage aller späteren Rauchverbote. Welche Stoffe im Rauch für diese Wirkungen verantwortlich sind, erklärt die Seite Inhaltsstoffe.
Zweifel als Produkt: die Antwort der Industrie
Die Zigarettenindustrie reagierte auf die Studien von 1950 nicht mit Rückzug, sondern mit einer Strategie, die heute bis in die Einzelheiten dokumentiert ist – dank der internen Dokumente, die sie in den Prozessen der 1990er-Jahre herausgeben musste. Im Dezember 1953 trafen sich die Chefs der großen amerikanischen Hersteller im New Yorker Plaza Hotel mit der PR-Agentur Hill & Knowlton; das Ergebnis erschien am 4. Januar 1954 als ganzseitige Anzeige in Hunderten Zeitungen: das „Frank Statement to Cigarette Smokers“, in dem die Hersteller versicherten, sie nähmen die Gesundheit ihrer Kunden ernst, die Forschung sei aber uneindeutig, und sie würden selbst ein Forschungsinstitut gründen. Dieses Institut – das Tobacco Industry Research Committee, später Council for Tobacco Research – finanzierte jahrzehntelang vor allem Forschung, die von der Zigarette ablenkte, und lieferte Argumente, warum die Beweise angeblich noch nicht ausreichten.
Ein internes Papier des Herstellers Brown & Williamson aus dem Jahr 1969 brachte die Strategie auf die Formel, Zweifel sei das eigentliche Produkt der Industrie, weil er die Tatsachen im Bewusstsein der Öffentlichkeit am besten neutralisiere. Genau so wurde verfahren: Jede Studie wurde als „nur statistisch“ abgetan, jeder abweichende Wissenschaftler gefördert, jede Regulierung mit dem Hinweis auf offene Fragen verzögert. Zugleich wussten die Unternehmen intern längst Bescheid: Ihre Labore hatten die krebserregende Wirkung des Rauchkondensats bestätigt, und ihre Juristen und Forscher beschrieben bereits in den 1960er-Jahren Nikotin als abhängig machende Substanz und das eigene Unternehmen als deren Anbieter – Sätze, die drei Jahrzehnte später vor Gericht verlesen wurden. Als 1994 die Vorstände der sieben größten amerikanischen Hersteller vor einem Ausschuss des Kongresses unter Eid erklärten, sie glaubten nicht, dass Nikotin abhängig mache, prägte das Bild des Managers, der gegen die eigenen Akten aussagt, die Wahrnehmung der Branche endgültig.
Filter, „Light“ und die Illusion der Schadensminderung
Die zweite Antwort der Industrie war das Produkt selbst. Innerhalb eines Jahrzehnts nach 1950 wurde die Filterzigarette von der Ausnahme zur Regel; die Werbung präsentierte den Filter als wissenschaftliche Lösung eines Problems, das man zugleich bestritt. Manche Konstruktionen waren gefährlicher als das, was sie verhindern sollten: Der Micronite-Filter der Marke Kent enthielt zwischen 1952 und 1956 Asbestfasern. In den 1970er-Jahren folgten die „Light“- und „Mild“-Zigaretten: Winzige Löcher im Filterpapier verdünnten den Rauch mit Luft, sodass die Rauchmaschine im Labor weniger Teer und Nikotin maß. Beim Menschen funktionierte das nicht: Wer eine leichte Zigarette raucht, zieht tiefer und häufiger, deckt die Löcher mit Lippen oder Fingern ab und holt sich die gewohnte Nikotindosis – ein Verhalten, das die Hersteller aus eigenen Studien kannten. Die niedrigen Werte waren ein Laborergebnis, kein Gesundheitsvorteil; sie hielten aber Millionen Rauchende, die sonst vielleicht aufgehört hätten, bei der Stange. Seit 2003 sind die Bezeichnungen in der Europäischen Union verboten. Wie Filter und Ventilation konstruiert sind, beschreibt die Seite Aufbau einer Zigarette.
Was aus dieser Geschichte folgt: Für keine Zigarette ist je belegt worden, dass sie weniger schädlich wäre als eine andere – nicht für die mit Filter, nicht für die „leichte“, nicht für die mit Aktivkohle, nicht für die aus „naturbelassenem“ Tabak. Jede dieser Neuerungen war zuerst eine Antwort auf ein Absatzproblem. Wer die Risiken tatsächlich senken will, hat nur eine Möglichkeit, und die beschreibt die Seite Rauchstopp.
Die großen Prozesse und das Master Settlement Agreement
Vier Jahrzehnte lang hat die Zigarettenindustrie keinen einzigen Prozess verloren. Die ersten Klagen Erkrankter in den 1950er- und 1960er-Jahren scheiterten daran, dass sich der Zusammenhang im Einzelfall nicht beweisen ließ und die Beklagten jeden Fall bis zur Erschöpfung der Klägerseite führten. Eine zweite Welle in den 1980er-Jahren stützte sich auf die inzwischen vorgeschriebenen Warnhinweise – und scheiterte an ihnen: Wer gewarnt worden war, so die Gerichte, habe das Risiko bewusst auf sich genommen. Der Fall der an Lungenkrebs verstorbenen Rose Cipollone brachte 1988 die erste Verurteilung eines Herstellers zu Schadensersatz überhaupt; das Urteil wurde aufgehoben, doch der Oberste Gerichtshof entschied 1992, dass die Warnhinweise Klagen wegen Täuschung und Verschwörung nicht ausschließen.
Die dritte Welle veränderte alles, weil sie zwei neue Elemente zusammenführte. Das erste waren die internen Dokumente: 1994 gelangten Tausende Seiten aus dem Archiv von Brown & Williamson über einen früheren Mitarbeiter einer Anwaltskanzlei an Wissenschaftler, Abgeordnete und Medien; sie belegten, dass die Firma seit den 1960er-Jahren um Krebsgefahr und Abhängigkeit wusste. Der frühere Forschungschef des Unternehmens, Jeffrey Wigand, bestätigte dies 1996 im Fernsehen. Das zweite Element war ein neuer Klägertyp: Statt einzelner Erkrankter klagten nun die Bundesstaaten, angeführt von Mississippi, auf Erstattung der Kosten, die rauchbedingte Krankheiten ihren Gesundheitsprogrammen verursacht hatten. Dieser Anspruch ließ sich nicht mit dem Argument der Eigenverantwortung abwehren, und er summierte sich auf existenzbedrohende Beträge. Mississippi, Florida, Texas und Minnesota erreichten 1997 und 1998 eigene Vergleiche; der Prozess in Minnesota zwang die Beklagten zudem, Millionen Seiten interner Unterlagen öffentlich zugänglich zu machen.
Das Master Settlement Agreement von 1998
Im November 1998 schlossen die vier größten amerikanischen Hersteller mit den übrigen 46 Bundesstaaten sowie dem District of Columbia und den Territorien das Master Settlement Agreement (MSA), den bis heute größten zivilrechtlichen Vergleich der amerikanischen Geschichte. Die Unternehmen verpflichteten sich zu Zahlungen an die Bundesstaaten auf unbegrenzte Zeit – allein für die ersten 25 Jahre wurde eine Summe von rund 206 Milliarden Dollar veranschlagt – und zu Beschränkungen, die weit über das damals geltende Recht hinausgingen:
- keine Zeichentrickfiguren, keine Plakatwände, keine Werbung in Verkehrsmitteln, kein Sponsoring von Veranstaltungen mit jugendlichem Publikum;
- keine Bezahlung für die Platzierung von Zigaretten in Filmen, Fernsehsendungen und Videospielen;
- Auflösung des Tobacco Institute und des Council for Tobacco Research, der Träger der Verharmlosungsstrategie;
- Finanzierung einer unabhängigen Stiftung, aus der die an Jugendliche gerichtete „truth“-Kampagne hervorging;
- Veröffentlichung der internen Dokumente in einem öffentlichen Archiv, das seither Millionen Seiten umfasst und die Grundlage der historischen Forschung über die Industrie bildet.
Das MSA hat Kritiker: Die Zahlungen werden über die Preise von den Rauchenden selbst aufgebracht, die Bundesstaaten sind dadurch an den fortgesetzten Zigarettenverkauf gebunden, und nur ein kleiner Teil der Mittel floss in die Prävention. Doch die Justiz ließ nicht nach: 1999 klagte die Bundesregierung nach dem Gesetz gegen organisierte Kriminalität; 2006 stellte das Bundesgericht fest, die Hersteller hätten die Öffentlichkeit über Jahrzehnte gemeinsam und vorsätzlich getäuscht, und verpflichtete sie zu „berichtigenden Erklärungen“, die 2017 in Zeitungen und im Fernsehen erschienen. 2009 erhielt die amerikanische Arzneimittelbehörde die Aufsicht über Tabakprodukte.
In Deutschland und den meisten anderen europäischen Ländern ist dieser Weg nicht beschritten worden. Klagen Erkrankter gegen Hersteller blieben ohne Erfolg, weil die Gerichte die Gefahren des Rauchens als seit Jahrzehnten allgemein bekannt ansahen und das deutsche Recht weder Strafschadensersatz noch vergleichbare Sammelklagen kennt. Die Regulierung kam hier nicht aus den Gerichtssälen, sondern aus Brüssel, Genf und – oft zögernd – aus Berlin.
Regulierung und Niedergang

Die Regulierung der Zigarette folgte in Deutschland und Europa keinem großen Wurf, sondern einer Kette einzelner Schritte über ein halbes Jahrhundert: Werbung, Verpackung und Produkt, Rauchverbote und Jugendschutz, Steuer. In allen vier Feldern war Deutschland innerhalb Europas eher Nachzügler als Vorreiter – der Einfluss der Industrie und das Gewicht der Tabaksteuer im Bundeshaushalt erklären das zu einem guten Teil.
Werbung
Mitte der 1970er-Jahre verschwand die Zigarettenwerbung aus Hörfunk und Fernsehen der Bundesrepublik; das HB-Männchen lebte danach nur noch im Kino fort, und die Industrie verlagerte ihre Etats in Presse, Plakat und Kino. 1989 untersagte die Europäische Gemeinschaft die Fernsehwerbung für Tabak in allen Mitgliedstaaten. Ein erster Versuch, auch Presse und Sponsoring europaweit zu verbieten, scheiterte 2000 vor dem Europäischen Gerichtshof – auf Klage der Bundesrepublik Deutschland, die der Gemeinschaft die Zuständigkeit absprach. Die 2003 nachgebesserte Richtlinie beendete die Werbung in Presse, Hörfunk und Internet sowie das grenzüberschreitende Sponsoring; Deutschland setzte sie 2006 als eines der letzten Länder um und blieb bis in die 2020er-Jahre das einzige EU-Land, das Außenwerbung für Zigaretten noch erlaubte. Erst ein 2020 beschlossenes Gesetz beendete sie stufenweise: 2022 für Tabakprodukte, danach für Tabakerhitzer und E-Zigaretten; Kinowerbung ist seither auf Filme ohne Jugendfreigabe beschränkt. Den geltenden Stand fasst die Seite Recht & Steuer zusammen.
Verpackung und Produkt
Der Warnhinweis begann in Deutschland Anfang der 1980er-Jahre als freiwillige Vereinbarung der Industrie – ein kleiner Satz am Packungsrand mit dem Absender „Der Bundesgesundheitsminister“. Verbindlich und europaweit einheitlich wurden Textwarnhinweise ab Anfang der 1990er-Jahre, zusammen mit ersten Höchstwerten für den Teergehalt. Die EU-Tabakproduktrichtlinie von 2001 vergrößerte die Warnhinweise, setzte die noch heute geltenden Höchstmengen für Teer, Nikotin und Kohlenmonoxid fest und verbot ab 2003 Bezeichnungen wie „light“ und „mild“. Die zweite Richtlinie von 2014 brachte mit Wirkung vom Mai 2016 die kombinierten Bildwarnhinweise, die seither den größten Teil jeder Packung bedecken, ein europaweites Rückverfolgungssystem gegen Schmuggel und das Verbot charakteristischer Aromen, das für Menthol 2020 wirksam wurde. Australien führte 2012 als erstes Land die Einheitsverpackung ohne Markendesign ein, Großbritannien, Frankreich und weitere Staaten folgten; Deutschland bislang nicht. Grenzwerte und Zusatzstoffe behandelt die Seite Inhaltsstoffe.
Rauchverbote und Jugendschutz
Das WHO-Rahmenübereinkommen zur Eindämmung des Tabakgebrauchs, 2003 verabschiedet und 2005 in Kraft getreten, ist der erste völkerrechtliche Vertrag der Weltgesundheitsorganisation überhaupt und verpflichtet seine mehr als 180 Vertragsstaaten – Deutschland gehört seit 2004 dazu – zu Werbeverboten, Warnhinweisen, Nichtraucherschutz und Steuerpolitik. Aus dieser Verpflichtung erwuchsen die europäischen Rauchverbote der 2000er-Jahre: Irland machte 2004 den Anfang mit einem vollständigen Verbot in Gaststätten, Italien, Großbritannien und Frankreich folgten. In Deutschland erließ der Bund 2007 ein Gesetz für seine eigenen Einrichtungen und den öffentlichen Verkehr; die Gastronomie fällt in die Zuständigkeit der Länder, die 2007 und 2008 sechzehn unterschiedlich strenge Gesetze erließen – von den nahezu ausnahmslosen Verboten in Bayern, 2010 per Volksentscheid verschärft, bis zu Regelungen mit Raucherräumen und Ausnahmen für kleine Kneipen. 2007 stieg zudem das Mindestalter für den Erwerb von Tabakwaren von 16 auf 18 Jahre, und Automaten mussten das Alter technisch prüfen.
Steuer
Die Tabaksteuer ist das älteste Instrument und wohl das wirksamste; sie trägt in Deutschland zusammen mit der Umsatzsteuer den größten Teil des Packungspreises. Lange diente sie allein der Einnahme; in mehreren Stufen zwischen 2002 und 2005 wurde sie zur Finanzierung von Sicherheits- und Gesundheitsausgaben deutlich erhöht, und seit 2022 steigt sie nach einem gesetzlichen Stufenplan in mehreren Schritten bis 2026. Steigt der Preis deutlich, sinkt der Konsum, bei Jugendlichen am stärksten; die Kehrseite sind Schmuggel und Ausweichbewegungen zu Feinschnitt und billigeren Produkten.
Der Niedergang
Die Summe dieser Schritte hat die Zigarette vom Alltagsgut zum Randphänomen gemacht – langsam, aber unumkehrbar. In Deutschland hat sich die Zahl der versteuerten Zigaretten seit Anfang der 1990er-Jahre mehr als halbiert; der Anteil der Rauchenden unter Erwachsenen sinkt seit Jahrzehnten, und der Anteil unter Jugendlichen ist auf einen Bruchteil des Wertes von Ende der 1990er-Jahre gefallen – der deutlichste Erfolg der gesamten Tabakpolitik. Zugleich bleibt die Zigarette das mit Abstand meistkonsumierte Tabakprodukt, die Zahl der Rauchenden geht weiterhin in die Millionen, und die Lungenkrebsstatistik der Frauen zeigt, dass die Folgen des Konsums von gestern erst heute sichtbar werden. Weltweit sinkt der Anteil der Rauchenden seit der Jahrtausendwende, die absolute Zahl liegt aber weiterhin bei mehr als einer Milliarde Menschen; China mit seinem Staatsmonopol ist heute der mit Abstand größte Zigarettenmarkt der Welt.
Die Zigarette heute
Die Industrie hat auf den Niedergang mit derselben Beweglichkeit reagiert wie auf die Krise der 1950er-Jahre – und mit einem verwandten Argument. Seit den 2010er-Jahren stellen die großen Konzerne Tabakerhitzer, E-Zigaretten und Nikotinbeutel als Produkte einer „rauchfreien Zukunft“ vor und bewerben sie, wo erlaubt, als weniger schädliche Alternativen. Die E-Zigarette selbst wurde 2003 von einem chinesischen Pharmazeuten entwickelt und erst nachträglich von den Konzernen übernommen; Tabakerhitzer hatte die Industrie schon in den 1980er-Jahren erprobt und mangels Nachfrage eingestellt, seit Mitte der 2010er-Jahre gewinnen sie in Japan und Europa Marktanteile. Ob und wie weit diese Produkte die Risiken senken, ist Gegenstand laufender Forschung; sicher ist, dass sie Nikotin liefern und abhängig machen.
Hinweis: „Weniger schädlich“ heißt nicht „unschädlich“. Herstellerangaben zu neuen Nikotinprodukten sind vor dem Hintergrund dieser Geschichte mit derselben Vorsicht zu lesen wie einst die Filter- und Light-Versprechen. Für Nichtrauchende und Jugendliche gibt es kein Nikotinprodukt ohne Risiko; für Rauchende bleibt der vollständige Ausstieg die einzige Maßnahme mit gesicherter Wirkung.
Parallel dazu diskutieren einige Länder ein „Endspiel“: Neuseeland beschloss 2022, den Verkauf von Tabak an alle nach einem Stichjahr Geborenen dauerhaft zu verbieten, hob das Gesetz nach einem Regierungswechsel 2024 aber wieder auf; Großbritannien verfolgt ein ähnliches Modell, und die Europäische Union nennt als Ziel eine „tabakfreie Generation“ mit einem Raucheranteil unter fünf Prozent. Die Zigarette ist am Ende ihrer Geschichte als Massenprodukt angelangt, aber nicht am Ende ihrer Geschichte: Sie bleibt das am weitesten verbreitete, am besten erforschte und am tödlichsten wirkende Konsumgut, das je hergestellt wurde. Wer heute raucht, tut es mit einem Wissen, das keiner früheren Generation zur Verfügung stand; wer aufhören will, findet auf der Seite Rauchstopp den gesicherten Stand. Die ganz anders verlaufene Geschichte der Zigarre erzählt kubanische-zigarren.org.
Zeitleiste
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 18. Jh. | Papelitos aus Tabakresten in Sevilla |
| 1840er | Fabrikmäßige Zigarettenfertigung in Frankreich; der Name „cigarette“ setzt sich durch |
| 1853–1856 | Krimkrieg: britische und französische Soldaten übernehmen die Zigarette |
| 1862 | Compagnie Laferme in Dresden: erste Zigarettenfabrik Deutschlands |
| 1881 | Patent für die Bonsack-Maschine; ab 1884 bei Duke im Einsatz |
| 1890 | Gründung der American Tobacco Company; 1911 vom Obersten Gerichtshof zerschlagen |
| 1913 | Camel: erste moderne, national beworbene Blend-Markenzigarette |
| 1914–1918 | Erster Weltkrieg: Zigarette wird Truppenverpflegung und verdrängt Pfeife und Zigarre |
| 1929 | „Fackeln der Freiheit“: Edward Bernays' Inszenierung in New York |
| 1939 | Erste Fall-Kontroll-Studie zu Rauchen und Lungenkrebs (Köln) |
| 1945–1948 | Zigarettenwährung in Deutschland bis zur Währungsreform |
| 1950 | Doll & Hill (London) und Wynder & Graham (USA) belegen den Zusammenhang mit Lungenkrebs |
| 1954 | „Frank Statement“ der amerikanischen Industrie; Start des Marlboro-Manns |
| 1964 | Bericht des US-Surgeon General |
| 1975 | Werbeverbot in Hörfunk und Fernsehen in Deutschland |
| 1981 | Studie zum Passivrauchen (Japan); erste Warnhinweise in Deutschland |
| 1994 | Interne Dokumente werden öffentlich; Mississippi klagt |
| 1998 | Master Settlement Agreement |
| 2003 | WHO-Rahmenübereinkommen; Verbot von „light“ und „mild“ in der EU |
| 2007 | Nichtraucherschutzgesetze und Abgabealter 18 in Deutschland |
| 2016 | EU-weite Bildwarnhinweise; 2020 Mentholverbot |
| 2022 | Verbot der Außenwerbung in Deutschland |