Geschichte der Zigarette
Kein Tabakprodukt hat die Konsumgeschichte des 20. Jahrhunderts so geprägt wie die Zigarette — und keines hat einen so tiefen Absturz vom Alltagsgut zum geächteten Produkt erlebt.
Papelitos und Krimkrieg
Vorläufer der Zigarette entstanden dort, wo Tabakreste günstig zu haben waren: In Spanien und Lateinamerika rollten Menschen im 18. Jahrhundert Tabak in Papier — die Papelitos. Über Frankreich (wo der Name cigarette entstand) und den Orient verbreitete sich die Form; als Katalysator gilt der Krimkrieg der 1850er-Jahre, in dem westeuropäische Soldaten bei ihren osmanischen Verbündeten das Zigarettenrauchen kennenlernten.
1881: Die Maschine
Bis in die 1880er-Jahre war die Zigarette Handarbeit — eine geübte Rollerin schaffte einige tausend Stück am Tag. Die von James Albert Bonsack konstruierte Maschine fertigte ein Vielfaches davon und senkte die Kosten drastisch. Der US-Unternehmer James Buchanan Duke setzte sie konsequent ein und baute mit aggressivem Marketing den ersten Zigarettenkonzern von Weltrang auf.
Markenzeitalter und Massenkonsum
Ab 1913 etablierte die R. J. Reynolds Tobacco Company mit Camel den Typus der modernen, national beworbenen Blend-Markenzigarette; andere Konzerne folgten. Die Weltkriege beschleunigten die Verbreitung — Zigaretten gehörten zur Truppenverpflegung, in der Nachkriegszeit waren sie in Deutschland zeitweise Ersatzwährung. Werbung besetzte die Zigarette mit Bildern von Freiheit, Modernität und Männlichkeit bzw. Emanzipation — Kampagnenfiguren wie der Marlboro-Cowboy gehören zu den bekanntesten Werbemotiven überhaupt. Um die Jahrhundertmitte rauchte in vielen Industrieländern die Mehrheit der erwachsenen Männer.
1950: Die Wende der Erkenntnis
1950 veröffentlichten Richard Doll und Austin Bradford Hill in Großbritannien ihre epidemiologischen Studien zum Zusammenhang von Zigarettenrauchen und Lungenkrebs; parallele US-Arbeiten kamen zum selben Ergebnis. In den Folgejahrzehnten wurde die Beweislage erdrückend — während die Industrie mit Zweifel-Kampagnen, „Light“-Produkten und Filterversprechen gegensteuerte. Die später veröffentlichten internen Dokumente der Konzerne gelten heute als Lehrstück organisierter Verharmlosung.
Der Weg der Regulierung
Ab Mitte der 1970er-Jahre verschwand die Zigarettenwerbung aus Funk und Fernsehen in Deutschland; es folgten Warnhinweise, Steuererhöhungen, das WHO-Rahmenübereinkommen zur Tabakkontrolle (2003), die Nichtraucherschutzgesetze (2007), EU-weit einheitliche Bildwarnhinweise (2016), das Mentholverbot (2020) und zuletzt das Verbot der Außenwerbung (ab 2022). Der Raucheranteil sinkt in Deutschland seit Jahren, besonders deutlich bei Jugendlichen — die Zigarette bleibt aber das mit Abstand meistkonsumierte Tabakprodukt.