Ernte 23

Ernte 23 gehört zu den ältesten deutschen Zigarettenmarken, die noch im Handel sind. Sie entstand 1924 bei Reemtsma in Hamburg aus einem Orienttabak des Erntejahres 1923, verschwand im Zweiten Weltkrieg und kehrte 1956 als Filterzigarette zurück, die bis 1959 die westdeutsche Verkaufsstatistik anführte. Seit 2002 gehört die Marke über Reemtsma zum britischen Konzern Imperial Brands und lebt heute von einer kleinen, älteren Stammkundschaft.

Eingeführt1924 (nach anderen Angaben 1925); Neuauflage mit Filter 1956
HerstellerReemtsma Cigarettenfabriken GmbH, Hamburg (seit 2002 zu Imperial Tobacco, heute Imperial Brands)
HerkunftDeutschland (Hamburg)
NamensgeberOrienttabak-Ernte des Jahrgangs 1923, komplett aufgekauft von Reemtsma
Markenschutzseit 1931 eingetragen (DPMA)
ProduktionsstandortWerk Langenhagen bei Hannover (Schließung bis 2027 angekündigt)
Aktuelles Sortimenteine Sorte (Ernte 23 Original); historisch Ernte 23 ohne Filter, Ernte 23 Filter und Ernte 23 Sondertyp (1969–1995)

Zur Einordnung: Dieses Markenlexikon dokumentiert Zigarettenmarken neutral als Teil der Konsum- und Wirtschaftsgeschichte. Es enthält keine Bezugsquellen und keine Empfehlung. Rauchen schädigt die Gesundheit – sachliche Informationen dazu stehen unter Gesundheit, Wege aus dem Konsum unter Rauchstopp.

Namensherkunft: der Jahrgang 1923

Der Name ist ein Stück Firmengeschichte. 1923 gelang es dem Tabakeinkäufer David Schnur, der für die Hamburger Reemtsma Cigarettenfabriken den Einkauf und die Tabakmischungen verantwortete, die gesamte Ernte eines Jahrgangs Orienttabak preisgünstig aufzukaufen. Als Anbaugebiet nennt die Fachliteratur Bulgarien, andere Darstellungen sprechen von mazedonischem Tabak aus dem Raum Saloniki. Aus diesem Vorrat entstand die neue Marke, die Hans Domizlaff, der Markenberater des Hauses, schlicht nach dem Erntejahr benannte: „Ernte 23“. Auf der Packung wurden Anbaugebiete und Herkunft angegeben, ähnlich wie Lage und Jahrgang auf einem Weinetikett. Der Jahrgangsgedanke war in der deutschen Zigarettenwerbung neu und blieb das Alleinstellungsmerkmal der Marke, auch als der Tabak von 1923 längst verbraucht war.

Geschichte: von der Orientzigarette zur Nachkriegsmarke

Die Marke kam nach den meisten Darstellungen 1924 auf den Markt; einzelne Markenlexika und Sammlerverzeichnisse nennen 1925. Seit 1931 ist der Name als Marke beim Patentamt eingetragen. Ernte 23 war eine filterlose Orientzigarette und gehörte neben R6 zu den erfolgreichsten Reemtsma-Marken der Weimarer Republik und der NS-Zeit. Im Zweiten Weltkrieg musste die Produktion eingestellt werden; als Ende wird das Jahr 1943 genannt.

Nach 1945 änderte sich der Geschmack der deutschen Raucher grundlegend. Amerikanische Marken wie Chesterfield, Lucky Strike und Camel verdrängten die reine Orientzigarette fast vollständig. Reemtsma reaktivierte Ernte 23 im Jahr 1956 in völlig neuer Form: mit Filter und einer Mischung aus Virginia- und Orienttabak, die das Unternehmen „German Blend“ nannte. Die Neuauflage machte Ernte 23 in den späten 1950er Jahren zur meistverkauften Zigarette der Bundesrepublik. 1959 überholte die HB von BAT die Marke an der Spitze der Verkaufsstatistik. In den 1970er Jahren begann der langsame Abstieg zur Traditionsmarke mit kleiner, aber treuer Stammkundschaft. Mehr zur Entwicklung der Zigarette in Deutschland findet man unter /geschichte/.

Konzern und Produktion

Ernte 23 gehört seit ihrer Entstehung zu Reemtsma. Das Unternehmen begann 1910 mit einer kleinen Zigarettenfabrik in Erfurt, zog 1923 nach Altona-Bahrenfeld bei Hamburg und stieg in den 1920er und 1930er Jahren durch Zukäufe zum mit Abstand größten deutschen Zigarettenhersteller auf, der Mitte der 1930er Jahre rund zwei Drittel der deutschen Produktion kontrollierte. 1980 verkaufte der Erbe Jan Philipp Reemtsma seine Mehrheitsanteile an die Hamburger Tchibo-Gruppe, 2002 übernahm der britische Konzern Imperial Tobacco, der seit 2016 Imperial Brands heißt.

Produziert wird Ernte 23 im Reemtsma-Werk Langenhagen bei Hannover, das 1971 eröffnet wurde. Am 1. Oktober 2025 kündigte Imperial Brands an, die Produktion dort einstellen zu wollen; nachdem Verkaufsgespräche gescheitert waren, gab der Konzern am 23. März 2026 die schrittweise Schließung bis ins Jahr 2027 bekannt. Damit endet die Tabakproduktion von Imperial Brands in Deutschland. Wo Ernte 23 danach hergestellt wird, hat das Unternehmen bislang nicht mitgeteilt.

Sortiment und Sorten im Überblick

Historisch lassen sich drei Linien unterscheiden:

Heute führt Reemtsma die Marke nur noch in einer Sorte, die als Ernte 23 Original in der orangefarbenen Packung im Handel ist. Nach den 2008 vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz veröffentlichten Herstellerangaben lag die Filterzigarette bei 10 mg Kondensat, 0,8 mg Nikotin und 10 mg Kohlenmonoxid je Stück, mit Zusatzstoffen wie Propylenglycol, Zucker, Invertzucker, Kakao und Lakritz. Damit ist die Marke ein gewöhnliches Vollaroma-Produkt; von einer besonders „reinen“ Zigarette, wie sie die Werbung jahrzehntelang versprach, kann keine Rede sein. Mehr zu diesen Stoffen findet man unter /inhaltsstoffe/.

Werbung und Design

Die Gestaltung stammt aus dem Kreis um Hans Domizlaff, der in den 1920er Jahren für Reemtsma die Grundlagen der modernen „Markentechnik“ entwickelte. Die Packung sollte nüchtern und unverwechselbar sein: ein Tabakkorb, das von Wilhelm Deffke entworfene Reemtsma-Signet mit dem Wikingerschiff und eine für die Zeit ungewöhnliche Farbgebung in Rot und Orange, die der Designer Erich Etzold verantwortete. In den 1920er Jahren lagen den Packungen Sammelbilder bei, später folgten ganze Alben, etwa zu den Olympischen Spielen 1924 und 1928.

Die Werbesprache blieb über Jahrzehnte sachlich und bisweilen poetisch. Der Literaturwissenschaftler Hans Vilmar Geppert hat den Anzeigen der Marke einen eigenen Aufsatz gewidmet, dessen Titel eine Werbezeile zitiert: „Und raucht Ernte 23 / Und alles war wieder gut“. Slogans wie „Charakter und Geschmack“ oder „von höchster Reinheit“ stellten Herkunft und Qualität des Tabaks in den Mittelpunkt, nicht das Lebensgefühl wie bei Peter Stuyvesant oder HB. 1976 versuchte Reemtsma einen ungewöhnlichen Weg: Käufer konnten per Stimmpostkarte entscheiden, für welches denkmalgeschützte Gebäude das Unternehmen 25.000 DM spenden sollte. Ein Werbeschild aus den späten 1980er Jahren im Deutschen Historischen Museum trägt die Zeile „Mit Ernte 23 zum Tabak, der Sonne entgegen!“. Seit dem Werbeverbot in Presse und Internet 2007 und dem Ende der Außenwerbung 2022 wirbt die Marke praktisch nicht mehr; sie lebt von Gewohnheit und Wiedererkennung.

Marktstellung in Deutschland

In den späten 1950er Jahren war Ernte 23 die Nummer eins des westdeutschen Marktes und verlor die Spitze erst 1959 an HB. Der Spiegel beschrieb 1963 die Lage: HB setzte monatlich 1,7 Milliarden Stück ab, Ernte 23 lag mit 1,25 Milliarden auf Platz zwei, Peter Stuyvesant folgte mit 850 Millionen. Der Absatz von Ernte 23 war in den drei Jahren zuvor um 55 Prozent gewachsen; die drei Spitzenmarken vereinten rund 53 Prozent des Verbrauchs auf sich. 1976 hielt die Marke nach Angaben der deutschen Wikipedia noch 8,6 Prozent Marktanteil. Danach ging es stetig bergab: Marlboro, West und später Discountmarken übernahmen die Regale, und Ernte 23 rutschte in die Nische. Heute zählt sie zu den Traditionsmarken, die Reemtsma neben R6, Reval, Roth-Händle und Cabinet vor allem für ältere Stammraucher weiterführt. Ein Überblick über die großen Marken steht unter /marken/.

Kontroversen und Regulierung

Die bekannteste Auseinandersetzung um die Marke war ein Prozess vor dem Landgericht Arnsberg. Ein 56-jähriger Mann aus Lippetal in Westfalen, der nach eigenen Angaben vierzig Jahre lang täglich zwei Schachteln Ernte 23 geraucht hatte und schwer erkrankt war, verlangte 2003 rund 213.000 Euro Schadensersatz und Schmerzensgeld von Reemtsma. Er warf dem Hersteller vor, mit Zusatzstoffen die Suchtwirkung verstärkt und über die Gefahren nicht aufgeklärt zu haben. Das Gericht wies die Klage am 14. November 2003 ab (Az. 2 O 294/02): Dass Rauchen zu schweren Gesundheitsschäden führe, sei allgemein bekannt, und ein Raucher trage die Verantwortung für sein Verhalten selbst; eine suchtsteigernde Manipulation sei nicht bewiesen. Mehr zur Rechtslage unter /recht/.

Wie jede Zigarette unterliegt Ernte 23 den europäischen Vorgaben: Seit 2004 dürfen höchstens 10 mg Teer, 1 mg Nikotin und 10 mg Kohlenmonoxid abgegeben werden, weshalb der Teerwert der Marke damals von 12 auf 10 mg gesenkt wurde. Seit 2016 tragen die Packungen kombinierte Bild-Text-Warnhinweise. Der Jahrgangsstolz des Namens ändert nichts daran, dass die Marke ein Produkt mit erheblichen Gesundheitsrisiken ist; Informationen dazu und zum Ausstieg findet man unter /gesundheit/ und /rauchstopp/. Am Rande: Die Zahl 23 hat der Marke einen Platz in Verschwörungserzählungen um die Illuminaten eingebracht, was mit der Namensherkunft nichts zu tun hat.

Quellen

  1. Ernte 23 – Wikipedia (deutsch) – https://de.wikipedia.org/wiki/Ernte_23
  2. Ernte 23 – Wikipedia (englisch) – https://en.wikipedia.org/wiki/Ernte_23
  3. Reemtsma Cigarettenfabriken – Wikipedia (deutsch) – https://de.wikipedia.org/wiki/Reemtsma_Cigarettenfabriken
  4. Hans Domizlaff – Wikipedia (deutsch) – https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Domizlaff
  5. Der Spiegel 27/1963: Zigaretten – Willkomm und Abschied – https://www.spiegel.de/politik/willkomm-und-abschied-a-ec3477ba-0002-0001-0000-000045144069
  6. Deutschlandfunk Kultur, 10.09.2010: Tabak als Politikum (Ausstellung Museum der Arbeit) – https://www.deutschlandfunkkultur.de/tabak-als-politikum-100.html
  7. Museum-digital: Zigarettenmarke Ernte 23 (Freilichtmuseum Roscheider Hof) – https://rlp.museum-digital.de/object/70458
  8. Brandslex Markenlexikon: Ernte 23 – https://www.brandslex.de/markenlexikon/cover/e/markenlexikon-ernte-23
  9. Reemtsma: Unsere Produkte – https://reemtsma.com/unser-unternehmen/produkte/
  10. Reemtsma Pressemitteilung, 01.10.2025: Imperial Brands plant Rückzug vom Standort Langenhagen – https://reemtsma.com/pressemitteilungen/imperial-brands-plant-rueckzug-vom-standort-langenhagen/
  11. Reemtsma Pressemitteilung, 23.03.2026: Verkaufsgespräche erfolglos – Standort Langenhagen wird geschlossen – https://reemtsma.com/pressemitteilungen/verkaufsgespraeche-erfolglos-imperial-brands-standort-langenhagen-wird-geschlossen/
  12. stern.de, 14.11.2003: 40 Jahre „Ernte 23“ und kein Schadenersatz – https://www.stern.de/panorama/klage-40-jahre--ernte-23--und-kein-schadenersatz-3514902.html
  13. LG Arnsberg, Urteil vom 14.11.2003, Az. 2 O 294/02 (NJW 2004, 232) – https://www.jurion.de/urteile/lg-arnsberg/2003-11-14/2-o-294_02/
  14. Deutsche Digitale Bibliothek: Werbeschild „Mit Ernte 23 zum Tabak, der Sonne entgegen!“ (DHM, um 1988) – https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/D3W2M5NGXDUVRYAJANER53NT37G2KFEW
  15. Zigsam.at: Ernte 23 – Sammlerdokumentation der Packungen 1950er bis 2016 – https://www.zigsam.at/B_Ernte23.htm

Hinweis zur Quellenlage: 1) Einführungsjahr: Wikipedia (de/en, nach Troebst 2003) und der Reemtsma-Artikel nennen 1924 als Markteinführung aus der Ernte 1923; brandslex und zigsam.at nennen 1925 (brandslex: Produktion 1925–1943). Der Text folgt 1924 und nennt 1925 als Alternative. 2) Herkunft des Tabaks: Wikipedia/Troebst sagen Bulgarien, brandslex „mazedonischer Tabak aus Saloniki“, Deutschlandfunk Kultur „Griechenland und Mazedonien“; das Anbaugebiet lag im damals umstrittenen mazedonisch-thrakischen Raum. 3) Produktionsende im Krieg: Museum-digital „1940er Jahre“, brandslex 1943; der Text nennt 1943 als in der Literatur genanntes Jahr. 4) Marktanteil 8,6 Prozent 1976 und die Denkmalschutz-Kampagne stehen in der deutschen Wikipedia ohne Einzelnachweis; im Text entsprechend gekennzeichnet. 5) Status: Der Auftrag bezeichnete die Marke als historisch; Reemtsma führt Ernte 23 aber auf seiner Produktseite (Stand 2026) als laufende Marke, und der Handel listet die Sorte Original. Daher status = aktiv, ohne Sortenseiten. 6) Der Sondertyp-Zeitraum 1969–1995 und die Packungsgrößen stammen aus der Sammlerseite zigsam.at, nicht aus Unternehmensangaben. 7) Zukünftiger Produktionsort nach der Schließung von Langenhagen ist nicht bekannt. 8) Die englische Wikipedia behauptet 55 Prozent Marktanteil 1963; der zugrunde liegende Spiegel-Artikel spricht tatsächlich von 55 Prozent Absatzwachstum in drei Jahren, der Text folgt dem Spiegel.