
Cabinet
Cabinet ist eine 1972 in der DDR eingeführte Filterzigarette, die 1989 mit einem Marktanteil von rund einem Drittel die meistgerauchte Marke des Landes war. Nach der Wende ging sie an Reemtsma, heute Teil von Imperial Brands, verlor durch eine Anpassung an westlichen Geschmack zunächst zwei Drittel ihrer Käufer und fand erst mit der Rückkehr zur kräftigen Mischung wieder Fuß. Heute wird sie überwiegend in den neuen Bundesländern verkauft, nur noch in der Variante Cabinet Original.
| Eingeführt | 1972 in der DDR |
|---|---|
| Hersteller | Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH, Hamburg (seit 2002 zu Imperial Tobacco, heute Imperial Brands) |
| Herkunft | Deutschland (DDR) |
| Ursprüngliche Hersteller | VEB Tabak Nordhausen und VEB Vereinigte Zigarettenfabriken Dresden (Kombinat Tabak) |
| Marktanteil DDR 1989 | 33 Prozent, rund 800 Millionen Stück im Monat (Spiegel 45/1990, taz 13.07.1990) |
| Produktion | Nordhausen bis 2002, danach Langenhagen (Schließung bis 2027 angekündigt) |
| Slogan | „Von Mensch zu Mensch“ (nach 1990) |
| Status | aktiv, nur noch Cabinet Original |
Zur Einordnung: Dieses Markenlexikon dokumentiert Zigarettenmarken neutral als Teil der Konsum- und Wirtschaftsgeschichte. Es enthält keine Bezugsquellen und keine Empfehlung. Rauchen schädigt die Gesundheit – sachliche Informationen dazu stehen unter Gesundheit, Wege aus dem Konsum unter Rauchstopp.
Geschichte: eine Marke des Kombinats Tabak
Cabinet kam 1972 in der DDR auf den Markt, wo die Zigarettenproduktion vollständig in volkseigenen Betrieben lag. Hergestellt wurde die Filterzigarette im VEB Tabak Nordhausen in Thüringen und in den Vereinigten Zigarettenfabriken Dresden. Beide Betriebe gehörten ab 1978 zum Kombinat Tabak mit Sitz in Dresden, das die gesamte Tabakindustrie des Landes mit rund einem Dutzend Zigarettenmarken bündelte, darunter f6, Karo, Juwel, Club, Duett und Semper. Cabinet lag in der mittleren Preisklasse: Die Hartbox mit 20 Stück kostete 3,20 Mark, weshalb man die Marke gemeinsam mit f6 und Semper zu den „Dreizwanzigern“ zählte.
Da es in der DDR keine Zigarettenwerbung gab, entschied allein der Geschmack über den Erfolg. Cabinet setzte sich mit ihrer kräftigen, würzigen Mischung durch: Kurz vor dem Mauerfall wurden monatlich rund 800 Millionen Stück produziert, und 1989 lag der Marktanteil nach Angaben von Spiegel und taz bei 33 Prozent. Damit war Cabinet die meistgerauchte Zigarette der DDR, vor f6 mit 27 Prozent sowie Juwel und Club mit je 11 Prozent. Insgesamt rauchte die DDR knapp 31 Milliarden Zigaretten im Jahr, fast ausschließlich aus eigener Produktion. Wie sich die Zigarette in Deutschland insgesamt entwickelt hat, zeigt die Seite Geschichte.
Wende: Kartellveto, Treuhand und Reemtsma
Im April 1990 bot Philip Morris an, das gesamte Kombinat zu übernehmen, was den Marktanteil des Konzerns im vereinten Deutschland von 28 auf 45 Prozent gehoben hätte; das neu geschaffene Amt für Wettbewerbsschutz der DDR untersagte den Kauf. Zum 1. Mai 1990 wurde das Kombinat in einzelne GmbHs aufgelöst und die Markenrechte auf die Werke verteilt: Cabinet ging an die Nortak Nordhausen GmbH, Club nach Berlin, f6, Karo und Juwel nach Dresden. Am 11. September 1990 übertrug die Treuhand die Nortak an Reemtsma, damals der zweitgrößte Zigarettenhersteller der Bundesrepublik; Dresden ging an Philip Morris, Berlin an R. J. Reynolds.
Reemtsma passte Cabinet umgehend an westdeutsche Gewohnheiten an: hellere Pappe, Gold statt Ockergelb, dann eine schlankere Weichpackung mit 19 statt 20 Zigaretten zum gleichen Preis, vor allem aber eine mildere Mischung in Richtung American Blend. Der Spiegel berichtete im November 1990, dass den ostdeutschen Rauchern das „Westkraut“ nicht schmecke und der Marktanteil binnen weniger Monate von 33 auf rund zehn Prozent eingebrochen sei. Reemtsma zog die Konsequenz und kehrte zum kräftigeren, würzigeren Geschmack zurück; ab 1991 trug die Stammsorte den Namen Cabinet Würzig.
Konzern und Produktion
Die Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH mit Sitz in Hamburg gehört seit 2002 mehrheitlich zu Imperial Tobacco, das sich 2016 in Imperial Brands umbenannte. Mit Marken wie West, Gauloises, JPS und Davidoff ist Reemtsma der zweitgrößte Anbieter auf dem deutschen Zigarettenmarkt; für das Geschäftsjahr 2016/17 nannte das Unternehmen einen Gesamtmarktanteil von gut 24 Prozent. Cabinet ist darin eine regionale Marke mit Schwerpunkt in den neuen Bundesländern, ähnlich wie die ebenfalls aus Nordhausen stammende Duett.
Die Produktion blieb zunächst in Nordhausen, wo Reemtsma nach Angaben der Lokalpresse über 100 Millionen Mark investierte; das Werk hatte eine Kapazität von rund zehn Milliarden Zigaretten im Jahr. Im September 2001 kündigte die Hamburger Zentrale an, die deutsche Fertigung auf Berlin und Hannover-Langenhagen zu konzentrieren; das Nordhäuser Werk mit rund 230 Beschäftigten wurde 2002 geschlossen. Seither kam Cabinet aus dem 1971 eröffneten Stammwerk Langenhagen. Am 2. Oktober 2025 gab Imperial Brands bekannt, die Produktion dort einzustellen; nachdem Verkaufsgespräche gescheitert waren, soll das Werk mit rund 600 Beschäftigten bis 2027 schrittweise stillgelegt werden. Wo Cabinet künftig gefertigt wird, hat der Konzern bislang nicht mitgeteilt.
Sortiment im Überblick
In der DDR gab es Cabinet nur als Filterzigarette in der Hartbox mit 20 Stück. Nach der Übernahme baute Reemtsma die Marke zu einer Familie aus: Cabinet Mild erschien 1990, das Langformat Würzig 100 im Jahr 1991, Cabinet Lights 1996 und Cabinet Ultra im Mai 1999; um die Jahrtausendwende kam die Mentholvariante Fresh hinzu. Nachdem die EU Bezeichnungen wie „Light“ und „Mild“ ab 2003 untersagt hatte, wurden die Linien nach Farben benannt: Red, Blue und Gold. Die 2016 in Kraft getretene Tabakproduktrichtlinie verbot auch Hinweise auf Geschmack oder Aroma, sodass aus Cabinet Würzig die heutige Cabinet Original wurde; die übrigen Varianten sind inzwischen vom Markt verschwunden.
| Sorte | Zeitraum | Anmerkung |
|---|---|---|
| Cabinet Filter | 1972 bis 1990 | DDR-Original, Hartbox mit 20 Stück, 3,20 Mark |
| Cabinet Würzig / Original | seit 1991 | kräftige Stammsorte, seit 2016 „Original“; einzige heutige Sorte |
| Cabinet Mild / Red | 1990 bis 2010er Jahre | mildere Linie |
| Cabinet Lights / Blue | 1996 bis 2010er Jahre | leichte Linie |
| Cabinet Ultra / Gold | 1999 bis 2010er Jahre | sehr leichte Linie |
| Cabinet Fresh | um 2000 bis 2008 | Mentholvariante |
Werbung und Packungsgestaltung
Die DDR-Packung war schlicht: ein Schriftzug in Serifen, darüber ein Wappen, das von zwei Löwen gehalten wird. Dieses Motiv geht nach Angaben des Museums Pankow auf die Berliner Zigarettenfabrik Garbáty zurück, die als sächsischer Hoflieferant um 1920 das sächsische Wappen mit zwei Löwen auf ihre Packungen setzte; die volkseigenen Nachfolgebetriebe übernahmen es in abgewandelter Form. Klassische Werbung gab es in der DDR nicht. Erst nach 1990 bewarb Reemtsma die Marke mit dem Slogan „Von Mensch zu Mensch“; seit dem Verbot der Außenwerbung 2022 ist er nur noch am Verkaufsort zu sehen. Sondereditionen mit Motiven wie Semperoper, Brandenburger Tor oder Seebrücke Ahlbeck unterstrichen die regionale Verankerung. Andere Werbegeschichten zeigt die Markenübersicht.
Marktstellung in Deutschland
Cabinet ist eine der wenigen Marken aus DDR-Produktion, die den Übergang in den gesamtdeutschen Markt überstanden haben; von den Zigarettenmarken des Kombinats sind heute im Wesentlichen noch f6, Cabinet und Duett im Handel. Der Verlust von zwei Dritteln des Marktanteils im Jahr 1990 wurde nie aufgeholt: Wo die Marke 1989 jede dritte Zigarette der DDR stellte, ist sie heute eine Regionalmarke der neuen Bundesländer, die in Westdeutschland kaum eine Rolle spielt. Aktuelle Marktanteile veröffentlicht der Hersteller nicht; in bundesweiten Ranglisten taucht Cabinet nicht auf. Ihre Stärke liegt in einer treuen, überwiegend älteren Stammkundschaft, für die die Marke ein Stück Alltagsgeschichte ist, sowie in Großpackungen für das preisbewusste Segment.
Regulierung, Gesundheit und Kontroversen
Die DDR-Zigarette war nach heutigen Maßstäben stark: Sammlerverzeichnissen zufolge wies die Nortak-Packung von 1990 15 mg Kondensat und 1,0 mg Nikotin je Zigarette aus, und gerade dieser Charakter war der Grund, warum die mildere Westrezeptur scheiterte. Die Reemtsma-Sorten der 2000er Jahre lagen nach den 2007 beim Bundesministerium hinterlegten Angaben zwischen 2 mg (Gold) und 10 mg Kondensat (Würzig), wobei solche Maschinenwerte über die tatsächliche Aufnahme wenig aussagen. Die EU-Richtlinien von 2001 und 2014 zwangen die Marke zweimal zur Umbenennung ihrer Sorten. Für Diskussionen sorgte 2001/02 die Schließung des mit öffentlicher Förderung modernisierten Nordhäuser Werks, die auch den Bundestag beschäftigte; 2025 folgte die Ankündigung für Langenhagen. Unabhängig von Sorte und Herkunft gilt: Jede Zigarette schadet der Gesundheit, eine „würzige“ Mischung nicht weniger als eine leichte. Mehr dazu unter Gesundheit, Recht und Rauchstopp.
Namensherkunft
Woher der Name stammt, ist nicht dokumentiert. „Cabinet“ ist das französische und englische Wort für Kabinett und steht für das Ausgesuchte und Vorbehaltene, etwa im „Kabinettstück“ oder im Weinprädikat „Kabinett“. Der Name folgt damit einem Muster der DDR-Tabakindustrie: Auch Club, Duett, Semper und Juwel klangen international und wertig, ohne auf ein Herkunftsland zu verweisen. Ob bei der Einführung 1972 ein Bezug zu einer gleichnamigen West-Berliner Zigarette der 1960er Jahre bestand, die Sammlerverzeichnisse dem Hersteller Muratti zuschreiben, lässt sich nicht belegen. Sicher ist nur, dass der Name ohne jede Werbung zum Synonym für die Standardzigarette der DDR wurde.
Sorten im Lexikon
Quellen
- Cabinet (Zigarettenmarke) – Wikipedia (deutsch) – https://de.wikipedia.org/wiki/Cabinet_(Zigarettenmarke)
- Cabinet (cigarette) – Wikipedia (englisch) – https://en.wikipedia.org/wiki/Cabinet_(cigarette)
- taz, 13.07.1990: „Cabinet“-Umbildungen in der DDR – https://taz.de/Cabinet-Umbildungen-in-der-DDR/!1760034/
- taz, 13.07.1990: Volkseigener Dunst – https://taz.de/Volkseigener-Dunst/!1760036/
- Der Spiegel 45/1990: Die Tabakbranche erlebt im neuen deutschen Osten eine Überraschung – den Rauchern schmeckt das Westkraut nicht – https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13501002.html
- Die Zeit, 08.02.1991: Zigarettenmarkt: Der Duft von gestern – https://www.zeit.de/1991/07/der-duft-von-gestern
- Kombinat Tabak – Wikipedia (deutsch) – https://de.wikipedia.org/wiki/Kombinat_Tabak
- Reemtsma Cigarettenfabriken – Wikipedia (deutsch) – https://de.wikipedia.org/wiki/Reemtsma_Cigarettenfabriken
- brandslex.de: Markenlexikon Reemtsma – https://www.brandslex.de/markenlexikon/cover/r/markenlexikon-reemtsma
- nnz-online, 10.09.2001: Reemtsma in Nordhausen vor dem Aus! – https://www.nnz-online.de/news/news_lang.php?ArtNr=2439
- nnz-online, 12.09.2001: Drama um Reemtsma hat ein Ende! – https://www.nnz-online.de/news/news_lang.php?ArtNr=2467
- nd, 11.09.2001: Thüringen – Nordhausen bald ohne Reemtsma – https://www.nd-aktuell.de/artikel/4808.nordhausen-bald-ohne-reemtsma.html
- Deutscher Bundestag (DIP): Schließung der Reemtsma-Zigarettenfabrik in Nordhausen – Schadensbegrenzung – https://dip.bundestag.de/vorgang/schlie%C3%9Fung-der-reemtsma-zigarettenfabrik-in-nordhausen-schadensbegrenzung-g-sig-14043571/111933
- Die Tabakzeitung, 02.10.2025: Imperial Brands plant Produktionsstopp in Langenhagen – https://www.tabakzeitung.de/aktuell/branche/imperial-brands-plant-produktionsstopp-in-langenhagen/
- Reemtsma, Pressemitteilung: Verkaufsgespräche erfolglos – Imperial Brands-Standort Langenhagen wird geschlossen – https://reemtsma.com/pressemitteilungen/verkaufsgespraeche-erfolglos-imperial-brands-standort-langenhagen-wird-geschlossen/
- Reemtsma: Unsere Produkte (Markenportfolio) – https://reemtsma.com/unser-unternehmen/produkte/
- Volksstimme, 17.04.2026: Wer erinnert sich noch? Diese Zigaretten prägten den Alltag in der DDR – https://www.volksstimme.de/sachsen-anhalt/ddr-zigaretten-marken-rauchen-ossi-ostalgie-4231797
- Museum Pankow / museum-digital: Zigarettenschachtel der Marke „Cabinet“ – https://berlin.museum-digital.de/object/589
- DDR Museum Berlin: Objekt 1005591, Zigaretten CABINET, EVP 3,20 M – https://www.ddr-museum.de/de/objects/1005591
- zigsam.at: Cabinet (Sammlerverzeichnis mit Packungsvarianten und Jahreszahlen) – https://www.zigsam.at/B_Cabinet.htm
- Bundestag, 02.07.2020: Bundestag schränkt Tabakwerbung weiter ein – https://www.bundestag.de/webarchiv/textarchiv/2020/kw27-de-tabakerzeugnisgesetz-701734
- Wikimedia Commons: File:Cabinet text logo.png (PD-textlogo) – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Cabinet_text_logo.png
Hinweis zur Quellenlage: 1) Schließung Nordhausen: Wikipedia (de/en) schreibt „Ende der 1990er Jahre“; Lokalpresse (nnz-online, nd, September 2001) und brandslex belegen die Ankündigung im September 2001 und die Schließung 2002. Der Text folgt der Presse. 2) Die Umbenennungen Mild zu Red, Lights zu Blue und Ultra zu Gold sind nicht exakt datiert; im Text „nach 2003“ (EU-Richtlinie 2001/37/EG). Das Ende dieser Sorten ist nicht dokumentiert; zigsam.at führt Cabinet Red noch 2011, Wikipedia nennt heute nur noch Original. Deshalb „2010er Jahre“. 3) Der Slogan „Von Mensch zu Mensch“ steht nur in der deutschen Wikipedia ohne Einzelnachweis; Zeitraum und Medien der Kampagne sind nicht belegt. 4) Die Namensherkunft ist nirgends dokumentiert; der Absatz ist als Deutung gekennzeichnet. Eine „Muratti Cabinet Filter“ der 1960er Jahre (West-Berlin) ist nur im Sammlerverzeichnis zigsam.at belegt. 5) Heutige Packungsgrößen: Wikipedia nennt 20/26/43 Stück (2025 angepasst von 20/27/45), Händlerangaben 20/24/40; im Text deshalb nur qualitativ. 6) Marktanteilsverlust 1990: Spiegel „auf rund zehn Prozent“, brandslex „um rund 20 Prozent“ (gemeint wohl Prozentpunkte). 7) Die Werte 1990 (15 mg Kondensat, 1,0 mg Nikotin) stammen aus dem Sammlerverzeichnis zigsam.at, die Werte 2007 aus der BMEL-Liste, zitiert nach Wikipedia; beide sind so gekennzeichnet. 8) Format (Länge), Filtermaterial und Tabaksorten der heutigen Mischung sind nicht belegt und wurden weggelassen. 9) Die Artikel von Spiegel (45/1990) und Zeit (07/1991) konnten nicht direkt abgerufen werden; die Angaben daraus sind über Wikipedia und taz abgesichert. 10) Investitionssumme in Nordhausen („über 100 Millionen Mark“) nach nnz-online 2001; Beschäftigtenzahl 2001 zwischen 228 und 270 je nach Quelle, im Text „rund 230“. 11) Logo: Commons-Datei ist PD-textlogo, aber nur 149 x 30 Pixel groß; für große Darstellungen ungeeignet.