Karo

Karo war eine filterlose Zigarette aus der DDR, die in den 1950er Jahren als „Carré“ in Ost-Berlin entstand und ab den 1960er Jahren unter dem eingedeutschten Namen in Dresden produziert wurde. Mit ihrem dunklen, über Holzfeuer geräucherten Kentucky-Tabak und dem niedrigen Preis von 1,60 Mark war sie die Arbeiterzigarette des Landes und trug den Beinamen „Lungentorpedo“. Nach der Wiedervereinigung übernahm Philip Morris die Marke, ließ Design und Mischung unverändert und warb mit dem Slogan „Anschlag auf den Einheitsgeschmack“; 2022 endete die Produktion.

Eingeführt1950er Jahre als „Carré“ im VEB Berliner Zigarettenfabriken; ab den 1960er Jahren als Karo
Herstellerzuletzt Philip Morris (Philip Morris GmbH, Gräfelfing); bis 1990 VEB Vereinigte Zigarettenfabriken Dresden im Kombinat Tabak
HerkunftDeutschland (Ost-Berlin, später Dresden, DDR)
NamensherkunftEindeutschung von „Carré“ (französisch: Quadrat); das gekrönte C der Carré blieb bis zuletzt auf der Zigarette
Formatfilterlos, rund, 70 mm; Anfang der 1990er Jahre kurzzeitig auch Karo Filter King Size (83 mm)
Spitzname„Lungentorpedo“, wegen des kräftigen, rauchigen Kentucky-Tabaks
Produktionsende2022; Philip Morris nahm die Marke vollständig vom Markt

Zur Einordnung: Dieses Markenlexikon dokumentiert Zigarettenmarken neutral als Teil der Konsum- und Wirtschaftsgeschichte. Es enthält keine Bezugsquellen und keine Empfehlung. Rauchen schädigt die Gesundheit – sachliche Informationen dazu stehen unter Gesundheit, Wege aus dem Konsum unter Rauchstopp.

Namensherkunft: von Carré zu Karo

Der Name Karo ist eine Eindeutschung. Die Zigarette kam in den 1950er Jahren als „Carré“ (französisch für Quadrat) auf den Markt, hergestellt im VEB Berliner Zigarettenfabriken und verkauft in Päckchen zu zehn Stück. Ab den 1960er Jahren wurde daraus das deutsche „Karo“, zugleich der Name der rautenförmigen Spielkartenfarbe. Die Schachtel wurde neu gestaltet, ein Detail blieb jedoch bis zum Ende erhalten: Auf den einzelnen Zigaretten war weiterhin das gekrönte „C“ der Carré aufgedruckt. Die Eigenschreibweise auf der Packung war durchgehend in Großbuchstaben: KARO.

Geschichte bis 1990: Berlin, Dresden und das Kombinat Tabak

Noch als Carré wanderte die Produktion in den 1960er Jahren von Berlin in den VEB Vereinigte Zigarettenfabriken Dresden; die Packungsgröße stieg von zehn auf zwanzig Stück. Dresden war seit dem 19. Jahrhundert das Zentrum der deutschen Zigarettenindustrie, und nach der Enteignung der Fabrikanten nach 1945 wurden die verbliebenen Betriebe in volkseigene Betriebe überführt. 1978 entstand das Kombinat Tabak, zunächst mit Sitz in Berlin, ab 1982 mit dem Stammbetrieb in Dresden. Zu seinen Zigarettenmarken zählten neben Karo auch f6, Cabinet, Club, Juwel, Semper und Duett. Innerhalb dieses Sortiments war Karo die einfache Alltagszigarette ohne Filter: 20 Stück kosteten zum staatlich festgelegten Einzelhandelsverkaufspreis 1,60 Mark, ebenso viel wie die filterlose Salem, während die Filtermarken f6 und Semper mit 3,20 Mark und die Club mit 4,00 Mark deutlich teurer waren. Karo gehörte damit zu den günstigsten Zigaretten der DDR und wurde nach Darstellung der Presse vor allem von Arbeitern geraucht.

Tabak und Charakter: der „Lungentorpedo“

Was Karo von anderen DDR-Marken unterschied, war die Mischung. Nach Angaben des Stadtmuseums Dresden bestand sie zu etwa 60 Prozent aus italienischem Kentucky-Tabak, einer dunkelbraunen, kräftigen Würztabaksorte, die über Holzfeuer getrocknet, geröstet und geräuchert wurde. Aromen, Parfüms oder Geschmacksverstärker wurden dem Tabak nicht zugesetzt. Das Ergebnis war eine Zigarette mit holzigem, rauchigem und würzigem Geschmack, die deutlich schwerer wirkte als eine übliche Filterzigarette. Im Volksmund hieß Karo deshalb „Lungentorpedo“, und ihre Raucher waren Gegenstand zahlreicher Witze. Hinter dem Spitznamen steht ein nüchterner Sachverhalt: Eine filterlose Zigarette aus dunklem, geräuchertem Tabak liefert einen besonders schadstoffreichen Rauch. Wie sich Filter, Tabaksorte und Verbrennung auf die Belastung auswirken, erklärt der Bereich Inhaltsstoffe.

Wende und Übernahme durch Philip Morris

Mit dem Ende der DDR geriet auch das Kombinat Tabak in die Privatisierung. Philip Morris versuchte im Frühjahr 1990 zunächst, das gesamte Kombinat zu übernehmen, scheiterte aber am Veto der DDR-Wettbewerbsbehörde; anschließend wurden die Betriebe einzeln verkauft. Die Dresdner Werke, umgewandelt in die Vereinigte Zigarettenfabriken Dresden GmbH, gingen an Philip Morris, Nordhausen an Reemtsma, die Berliner Fabrik an Reynolds. Schon im Mai 1990 kündigte der Konzern an, neben f6 und Juwel auch die Karo weiterzuführen. Die taz kommentierte das damals unter der Überschrift „Rettet die Karo!“ mit der Sorge, „Qualitätsverbesserungen“ und „aktiver Vertrieb“ nach westlichem Muster könnten die Identität der Marke zerstören. Tatsächlich blieb Karo äußerlich fast unverändert: Das Verpackungsdesign wurde beibehalten, auf den Zigaretten stand weiter das gekrönte C. Neu war die in Westdeutschland übliche 19er-Packung sowie ein kurzer Ausflug ins Filtersegment: Anfang der 1990er Jahre erschien eine Karo Filter im King-Size-Format von 83 Millimetern in der Klappschachtel, die nach kurzer Zeit wieder verschwand. Die filterlose Karo im 70-Millimeter-Format wurde dagegen noch drei Jahrzehnte lang angeboten, bis Philip Morris sie 2022 vom Markt nahm. Die Zigarettenproduktion im Dresdner Werk war bereits 2019 nach Polen und Tschechien verlagert worden; im Juli 2025 schloss der Standort endgültig.

Sortiment im Überblick

Karo war stets eine Ein-Produkt-Marke. Die wenigen Varianten unterscheiden sich vor allem durch Hersteller, Packungsgröße und Zeitraum:

VarianteZeitraumMerkmale
Carré (10 Stück)1950er JahreVEB Berliner Zigarettenfabriken, filterlos
Carré (20 Stück)1960er JahreVEB Vereinigte Zigarettenfabriken Dresden, filterlos
Karo rund ohne Filter (20 Stück)1960er Jahre bis 199070 mm, Hartpackung, EVP 1,60 Mark; ab 1978 unter dem Kombinat Tabak
Karo rund ohne Filter (19 Stück)1990 bis 2022Vereinigte Zigarettenfabriken Dresden GmbH, später Philip Morris; unverändertes Design
Karo Filter King Size (19 Stück)Anfang der 1990er Jahre83 mm, Klappschachtel; nur kurz produziert

Die auf den Packungen angegebenen Werte lagen laut einer österreichischen Sammlerdatenbank bei Packungen aus den 1990er Jahren bei 14 mg Kondensat und 1,1 mg Nikotin, bei einer Packung aus dem Jahr 2002 bei 11 mg Kondensat und 0,9 mg Nikotin; Wikipedia nennt für die Zeit nach 1991 zusätzlich 9 mg Kohlenmonoxid. Diese Angaben stammen aus dem standardisierten Abrauchverfahren, das die tatsächliche Aufnahme beim Rauchen nur grob abbildet.

Werbung und Design

In der DDR spielte Markenwerbung für Zigaretten kaum eine Rolle; die Packung selbst war das Gesicht der Marke. Die schlichte, helle Hartschachtel mit dem roten Schriftzug und dem gekrönten C aus der Carré-Zeit blieb über Jahrzehnte gleich und wurde gerade dadurch zum Erkennungszeichen. Nach 1990 machte Philip Morris genau daraus das Werbeargument. Der Slogan „Anschlag auf den Einheitsgeschmack“ spielte doppeldeutig mit der deutschen Einheit und der Gleichförmigkeit westlicher Blend-Zigaretten und positionierte Karo als eigenwilliges Ostprodukt gegen den Mainstream. Der Sozialwissenschaftler Thomas Ahbe zählte Karo deshalb 2003 zu den Marken, die in der Ostalgie-Welle bewusst ihr altes Image verlängerten und dabei weniger den Gaumen als das Gefühl ansprachen. Auch in der Popkultur hatte Karo ihren Platz: Wolfgang Lippert erwähnte sie Anfang der 1980er Jahre in seinem DDR-Hit „Erna kommt“; in der westdeutschen Coverversion von Hugo Egon Balder wurde aus „eine Karo“ schlicht „Zigarette“, denn im Westen war der Name unbekannt.

Marktstellung in Deutschland

Verlässliche Marktanteile für Karo sind nicht veröffentlicht. In der DDR war die Marke durch ihren niedrigen Preis weit verbreitet, blieb aber hinter den Filterzigaretten f6 und Cabinet zurück, die den Markt dominierten. Nach 1990 wurde Karo zu einer Nischenmarke mit klarer regionaler Basis in den neuen Bundesländern und einer treuen Stammkundschaft. Außerhalb Ostdeutschlands blieb sie weitgehend unbekannt. Der seit Jahren sinkende Zigarettenkonsum in Europa, der Rückzug der filterlosen Zigarette aus dem Markt und die auf Kernmarken konzentrierte Portfoliopolitik des Konzerns führten schließlich zum Aus. Von den einstigen DDR-Marken sind heute nur f6, Cabinet und Duett übrig; Club, Semper, Juwel und Karo sind verschwunden.

Kontroversen, Gesundheit und Regulierung

Karo stand nie im Zentrum eines Skandals, doch die Marke ist ein Lehrstück in Sachen Gesundheitsrisiko. Die filterlose Zigarette aus dunklem Tabak gehörte zu den stärksten Produkten am deutschen Markt, und der Spitzname „Lungentorpedo“ verharmlost, was er beschreibt: Rauch ohne Filter, mit hohem Anteil an Kondensat und Kohlenmonoxid. In der DDR trug die Packung keinen Warnhinweis; die taz hob das 1990 sogar als Teil ihres Charmes hervor. Nach der Wiedervereinigung galten die bundesdeutschen und später die europäischen Vorschriften: Textwarnhinweise, ab 2003 größere Warnungen mit Pflichtangaben zu Nikotin, Kondensat und Kohlenmonoxid, ab 2016 die kombinierten Bild-Text-Warnungen, die fast zwei Drittel der Packungsfläche einnehmen. Für kleine Traditionsmarken mit geringer Auflage bedeutet jede solche Umstellung Aufwand; bei der Schwestermarke Juwel nannte der Hersteller 2015 den Platzbedarf der neuen Warnhinweise als Grund für das Ende. Ob dies auch bei Karo eine Rolle spielte, ist nicht belegt. Kritisch lässt sich zudem die Ostalgie-Werbung der 1990er Jahre sehen, die ein gesundheitsschädliches Produkt mit Identität und Heimatgefühl auflud. Wer sich mit den Folgen des Rauchens beschäftigt, findet Hintergründe unter Gesundheit, zu Warnhinweisen und Werbeverboten unter Recht und zu Ausstiegswegen unter Rauchstopp. Weitere Marken aus Dresden und der DDR finden sich in der Markenübersicht.

Quellen

  1. Karo (Zigarettenmarke) – Wikipedia (deutsch) – https://de.wikipedia.org/wiki/Karo_(Zigarettenmarke)
  2. Kombinat Tabak (VEB Kombinat Tabak Dresden) – Wikipedia (deutsch) – https://de.wikipedia.org/wiki/Kombinat_Tabak
  3. Salem (Zigarettenmarke) – Wikipedia (deutsch) – https://de.wikipedia.org/wiki/Salem_(Zigarettenmarke)
  4. f6 (Zigarettenmarke) – Wikipedia (deutsch) – https://de.wikipedia.org/wiki/F6_(Zigarettenmarke)
  5. Stadtmuseum Dresden (museum-digital): Zigarettenschachtel mit 20 Zigaretten der Marke „Karo“, 1989 – https://nat.museum-digital.de/object/1130210
  6. DDR Museum Berlin: Zigaretten „Karo“, VEB Kombinat Tabak Dresden (Objekt 1018579) – https://www.ddr-museum.de/en/objects/1018579
  7. taz: DDR – Rettet die Karo! (18. Mai 1990) – https://taz.de/DDR-Rettet-die-Karo/!1767745/
  8. der Freitag: Thomas Ahbe – Anschlag auf den Einheitsgeschmack. Der Dammbruch (29. August 2003) – https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/der-dammbruch
  9. der Freitag: Neuer Tobak (31. Mai 2018) – https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/neuer-tobak
  10. Berliner Kurier: Philip Morris schließt letztes Ost-Werk – Todesstoß für DDR-Zigaretten (29. Oktober 2024) – https://www.berliner-kurier.de/article/philip-morris-schliesst-letztes-ost-werk-todesstoss-fuer-ddr-zigaretten-2267126
  11. Mitteldeutsche Zeitung: f6, Duett und Co. – Diese Zigaretten rauchten die Menschen in der DDR (April 2026) – https://www.mz.de/mitteldeutschland/sachsen-anhalt/ddr-zigaretten-marken-rauchen-ossi-ostalgie-4231797
  12. Oiger: Philip Morris schließt F6-Tabakfabrik in Dresden (29. Oktober 2024) – https://oiger.de/2024/10/29/philip-morris-schliesst-f6-tabakfabrik-in-dresden/192719
  13. t-online: Philip Morris – Tabakkonzern schließt sein letztes deutsches Werk (30. Juli 2025) – https://www.t-online.de/finanzen/aktuelles/wirtschaft/id_100835706/philip-morris-tabakkonzern-schliesst-sein-letztes-deutsches-werk.html
  14. Stadtwiki Dresden: F6-Zigarettenfabrik (mit DDR-Preisliste) – https://www.stadtwikidd.de/wiki/F6-Zigarettenfabrik
  15. Zigsam – The Austrian Cigarette Collection: Karo (Packungen 1970er bis 2002) – https://www.zigsam.at/F_Brand.htm?_K*0330B_Karo.htm
  16. Zigsam – The Austrian Cigarette Collection: Carré – https://www.zigsam.at/F_Brand.htm?_C*0790B_Carre.htm
  17. Wolfgang Lippert – Wikipedia (deutsch) – https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Lippert
  18. Wikimedia Commons: File:Karo cigarettes logo.png (PD-textlogo) – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Karo_cigarettes_logo.png

Hinweis zur Quellenlage: 1) Eigentümer zuletzt: Die deutsche Wikipedia schreibt, Karo sei 2022 vom „Philip Morris Nachfolger Altria“ vom Markt genommen worden. Philip Morris International ist seit 2008 von Altria getrennt, und die deutsche Philip Morris GmbH gehört zu PMI; im Dossier deshalb „Philip Morris“ ohne Altria-Bezug. 2) Einführungsjahr: Für Carré ist nur „1950er Jahre“ belegt (Sammlerdatenbank: 10er-Packung „early 1960s“ bzw. Wikipedia „bis etwa Ende der 1950er Jahre“), für die Umbenennung in Karo nur „ab den 1960er Jahren“; kein exaktes Jahr auffindbar. 3) Produktionsende 2022: Wikipedia und MZ nennen 2022, eine Pressemitteilung des Herstellers wurde nicht gefunden; der Berliner Kurier bestätigt Ende 2024 nur, dass Karo „verschwunden“ ist. Wo Karo nach der Verlagerung der Dresdner Zigarettenproduktion 2019 bis 2022 hergestellt wurde, ist nicht dokumentiert. 4) Lied „Erna kommt“: Der Karo-Artikel nennt 1982, der Lippert-Artikel 1983 (Single 1983); die Balder-Coverversion erschien 1984 (Chart-Einstieg November 1984), nicht 1985 wie im Lippert-Artikel. Im Text deshalb „Anfang der 1980er Jahre“. 5) Nikotin-/Kondensatwerte stammen aus Packungsaufdrucken einer Sammlerdatenbank (1990er Jahre, 2002) und aus Wikipedia (nach 1991); die Wikipedia-Angabe ist unbelegt. 6) Der Tabakanteil „etwa 60 Prozent Kentucky“ stammt aus der Objektbeschreibung des Stadtmuseums Dresden; Wikipedia spricht ohne Prozentangabe von Kentucky-Tabak. 7) Die Beschreibung „vor allem von Arbeitern geraucht“ beruht auf Presse (MZ 2026, Freitag 2018), nicht auf Verkaufsdaten. 8) Der Grund für das Produktionsende (Nachfrage, Warnhinweise, Portfoliopolitik) ist in keiner Quelle für Karo konkret benannt; im Text nur qualitativ.