
Roth-Händle
Roth-Händle gehört zu den ältesten Zigarettenmarken, die auf dem deutschen Markt noch geführt werden. Sie entstand in der Elsässischen Tabakmanufaktur in Straßburg, wurde nach dem Ersten Weltkrieg in die Badische Tabakmanufaktur in Lahr überführt und galt jahrzehntelang als Inbegriff der starken, ungeschönten Zigarette aus dunklem Tabak ohne Aromazusätze. Heute ist sie eine kleine Traditionsmarke im Reemtsma-Portfolio von Imperial Brands.
| Eingeführt | 1897 (Anmeldung 3. Februar, Eintragung 22. Juli 1897, Registernummer 25784) |
|---|---|
| Hersteller | Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH, Hamburg (Imperial Brands); ursprünglich Elsässische Tabakmanufaktur, Straßburg, dann Badische Tabakmanufaktur Roth-Händle, Lahr |
| Herkunft | Straßburg (1871–1919), Lahr/Schwarzwald (1920–2007) |
| Konzernzugehörigkeit | Reemtsma-Mehrheit ab 1957, vollständige Übernahme 1985; Imperial Tobacco seit 2002 |
| Tabaktyp | dunkler Tabak ohne Aromazusätze, lange mit badischem Geudertheimer |
| Werksschließung Lahr | März 2007, zuletzt rund 275 Beschäftigte |
| Sortiment heute | nur noch die filterlose Variante; Filter bis Oktober 2017, Blond (ab 1998) und Schwarze Hand eingestellt |

Zur Einordnung: Dieses Markenlexikon dokumentiert Zigarettenmarken neutral als Teil der Konsum- und Wirtschaftsgeschichte. Es enthält keine Bezugsquellen und keine Empfehlung. Rauchen schädigt die Gesundheit – sachliche Informationen dazu stehen unter Gesundheit, Wege aus dem Konsum unter Rauchstopp.
Geschichte: Von Straßburg nach Lahr
Die Wurzeln der Marke liegen nicht in Baden, sondern im Elsass. 1871, im Jahr der Angliederung des Elsass an das Deutsche Reich, gründete Jules Schaller in Straßburg-Neudorf eine Tabakfabrik, aus der 1890 die Elsässische Tabakmanufaktur AG hervorging. Am 3. Februar 1897 meldete das Straßburger Unternehmen die Wortmarke „Roth-Händle“ zum Schutz an; die Eintragung ins deutsche Markenregister erfolgte am 22. Juli 1897 unter der Nummer 25784 für Rauch-, Kau- und Schnupftabak, Zigarren, Zigarillos und Zigaretten.
Der Erste Weltkrieg beendete die Straßburger Zeit. 1919 beschlagnahmte Frankreich die Fabrik in Neudorf, und die Hauptaktionäre verlagerten die Produktion auf die 1920 in Frankfurt am Main gegründete Badische Tabakmanufaktur Roth-Händle GmbH, die ihren Betrieb in Lahr im Schwarzwald aufnahm. 1922 wurde die Gesellschaft in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Lahr blieb für rund 87 Jahre die Heimat der Marke; die Badische Tabakmanufaktur wurde einer der größten Abnehmer südbadischen Rohtabaks und brachte später mit Reval eine zweite filterlose Marke heraus.
„Arisierung“ und Kriegsjahre
Ein dunkles Kapitel der Firmengeschichte fällt in die 1930er Jahre. Ende des Jahrzehnts hielten die Familien Adler und Oppenheimer, Eigentümer des ebenfalls aus Straßburg stammenden Lederkonzerns Adler & Oppenheimer, ein Drittel der Aktien der Roth-Händle AG, deren Grundkapital knapp zwei Millionen Reichsmark betrug. Unter aktiver Mitwirkung der Deutschen Bank wurden die überwiegend jüdischen Eigentümer aus dem Unternehmen gedrängt. Der Zigarettenfabrikant Johann Neusch aus Herbolzheim übernahm 80 Prozent der Anteile; kurz darauf kaufte die Roth-Händle AG ihrerseits die zuvor in jüdischem Besitz befindliche Elsässische Tabakmanufaktur in Straßburg. Der Wirtschaftshistoriker Harold James hat den Vorgang in seiner Studie über die Deutsche Bank und die „Arisierung“ dokumentiert.
Im Zweiten Weltkrieg gehörten Roth-Händle-Zigaretten zu den Marken, die als Frontzuteilung an Soldaten ausgegeben wurden. Das Deutsche Panzermuseum Munster zeigt eine solche Packung und erinnert daran, dass das NS-Regime Tabak trotz seiner Nichtraucherpropaganda als kriegswichtig einstufte. Mehr zur Rolle der Zigarette in dieser Zeit findet man unter Geschichte.
Konzern und Produktion
1957 erwarb Reemtsma aus Hamburg die Mehrheit an der Badischen Tabakmanufaktur, 1985 übernahm der Konzern das Unternehmen vollständig. Seit dem Einstieg von Imperial Tobacco bei Reemtsma im Jahr 2002 gehört Roth-Händle zur britischen Imperial-Brands-Gruppe. Die Zigarettenproduktion wanderte schrittweise aus Lahr ab: 1989 wurde die Herstellung der Reval nach Berlin verlegt, später auch die der Roth-Händle in die Reemtsma-Werke Langenhagen bei Hannover und Berlin-Wilmersdorf.
Das Lahrer Werk konzentrierte sich zuletzt auf Steckzigaretten, sogenannte Sticks, die von einer steuerlichen Begünstigung profitierten. Als diese Vergünstigung wegfiel, brach die Nachfrage ein, und Reemtsma schloss den Standort im März 2007. Zuletzt waren dort rund 275 Menschen beschäftigt; das Fabrikgebäude ist heute Teil eines Industriehofs. Das Berliner Werk wurde 2012 aufgegeben, sodass Langenhagen als einziges deutsches Produktionswerk verblieb. Im Oktober 2025 kündigte Imperial Brands an, auch dort die Produktion einzustellen oder den Standort zu verkaufen; wo die Marke künftig entsteht, war im September 2026 offen. Reemtsma zählt Roth-Händle auf seiner Unternehmensseite gleichwohl weiterhin zu seinen Traditionsmarken.
Sortiment im Überblick
Das Herz der Marke ist seit jeher die filterlose Roth-Händle im weichen Päckchen. Alle Versuche, das Sortiment zu verbreitern, blieben Episoden:
| Sorte | Zeitraum | Anmerkung |
|---|---|---|
| Roth-Händle ohne Filter | seit 1897 | Klassiker im Softpack, dunkler Tabak ohne Aromazusätze |
| Roth-Händle Filtermundstück / Filter | spätestens 1969 bis Oktober 2017 | weiße Schrift auf rotem Grund; 2017 eingestellt |
| Roth-Händle Leichte Mischung | 1970er bis Anfang der 1990er Jahre | weiße Packung; mangels Nachfrage eingestellt |
| Roth-Händle Blond | ab 1998 | heller Tabak, Hartbox; mangels Erfolg eingestellt |
| Roth-Händle's Schwarze Hand | bis Oktober 2015 | Feinschnitt zum Selbstdrehen; in die Gauloises-Familie überführt, später eingestellt |
Die „Leichte Mischung“ und die 1998 aufwendig eingeführte „Blond“ zielten auf jüngere Käufer heller Marken wie Gauloises Blondes oder Lucky Strike. Beide scheiterten: Die Stammkundschaft wollte das kompromisslose Original, neue Käufer ließen sich vom Namen nicht gewinnen.
Tabak, Stärke und Gesundheit
Was Roth-Händle von den meisten Zigaretten des American-Blend-Typs unterscheidet, ist die Mischung: dunkler Tabak ohne die sonst üblichen Aromazusätze. Lange stammte ein großer Teil davon aus badischem Anbau, vor allem die Sorte Geudertheimer. Seit der Tabakanbau in Baden weitgehend zum Erliegen gekommen ist, wird er importiert. Die amtliche Zusatzstoffliste des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft führte für die filterlose Roth-Händle im Jahr 2010 lediglich Wasser und Stickstoff auf; Hintergründe dazu stehen unter Inhaltsstoffe.
Berüchtigt war die Marke für ihre Stärke. Nach Angaben der deutschen Wikipedia enthielten die in den 1980er Jahren verkauften Zigaretten 1,4 Milligramm Nikotin und 21 Milligramm Teer; im Volksmund hießen sie „Lungentorpedo“ oder „Roter Tod“. Die EU-Richtlinien setzten dem Grenzen: ab 1993 galten höchstens 15, ab 1998 höchstens 12 Milligramm Teer, seit 2004 sind 10 Milligramm Teer, 1 Milligramm Nikotin und 10 Milligramm Kohlenmonoxid die Obergrenze. Die heutige Roth-Händle bewegt sich laut der Ministeriumsliste von 2010 mit 10 Milligramm Teer, 1,0 Milligramm Nikotin und 6 Milligramm Kohlenmonoxid an dieser Grenze. Täuschen sollte man sich davon nicht: Auch eine einst als „naturrein“ beworbene Zigarette ohne Zusatzstoffe erzeugt krebserregenden Rauch; solche Bezeichnungen sind in der EU inzwischen verboten. Mehr dazu unter Gesundheit; wer aufhören möchte, findet Hilfe unter Rauchstopp.
Werbung und Design
Die Verpackung ist seit Jahrzehnten praktisch unverändert: ein rotes Softpack, darauf der Schriftzug in schwerer schwarzer Blockschrift des 19. Jahrhunderts und darunter die kleine Hand, die das eingetragene Warenzeichen bildet. Kurioserweise ist die „rote Hand“ auf der Packung schwarz gedruckt; rot erschien sie nur auf dem Drehtabak „Schwarze Hand“.
Werbegeschichtlich gilt Roth-Händle als Sonderfall. Von 1955 bis zu seinem Unfalltod 1966 gestaltete der Grafiker Michael Engelmann die Kampagne mit Plakaten von radikaler Klarheit, die als ästhetische Neuorientierung zwischen Funktionalismus und Pop gelten; 2004 widmete ihm die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin eine Werkschau. Ab 1967 übernahm der Schweizer Plakatkünstler Herbert Leupin; aus dieser Zeit stammen Zeilen wie „Besinnung auf das Echte“. 1981 löste die Düsseldorfer Agentur Euro-Advertising diese Bildsprache durch die Reihe „Roth-Händle bringt Würze …“ („in den Morgen“, „in die Runde“) ab, ab 1985 hieß es „Roth-Händle gibt Würze“. Für die Einführung der Blond gewann 1998 die Hamburger Agentur Springer & Jacoby nach Pressebericht einen achtstelligen Etat. Solche Kampagnen sind Geschichte, denn Tabakwerbung ist in Deutschland in der Presse seit 2007 und auf Plakaten seit 2022 verboten, siehe Recht.
Marktstellung in Deutschland
Roth-Händle war nie eine Massenmarke wie Marlboro oder HB, sondern eine Nischenzigarette mit treuer Stammkundschaft. Belastbare Marktanteile liegen nicht vor; filterlose Zigaretten bilden insgesamt nur einen kleinen Teil des deutschen Marktes. Reemtsma hat in diesem Segment 2016 die Reval Filter und 2017 die Roth-Händle Filter eingestellt und führt nur noch die filterlosen Klassiker. Kulturell zehrt die Marke von ihrem Ruf als „ehrliche“ Zigarette: Zu den bekannten Rauchern zählten Ulrike Meinhof, der Schauspieler Diether Krebs, der Fußballfunktionär Gerhard Mayer-Vorfelder, der Entertainer Helge Schneider und der frühere bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber. Verkauft wird sie vor allem in Deutschland; Sammlerdatenbanken belegen daneben Packungen aus Frankreich, der Schweiz, Italien und den USA.
Namensherkunft und Markenrecht
„Händle“ ist die alemannisch-badische Verkleinerungsform von „Hand“; „Roth-Händle“ heißt also schlicht „rotes Händchen“ und beschreibt das Bildzeichen, das die Straßburger Gründer 1897 schützen ließen. Warum Jules Schaller ausgerechnet eine rote Hand wählte, ist in den zugänglichen Quellen nicht überliefert; die Schreibweise mit „th“ folgt der Rechtschreibung des 19. Jahrhunderts. Die ursprüngliche Registrierung von 1897 wurde auf Antrag des Inhabers zum 1. Januar 2007 gelöscht, im Jahr der Werksschließung. Reemtsma führt die Marke dennoch weiter; eine Übersicht weiterer Traditionsmarken findet man unter Marken.
Quellen
- Roth-Händle – Wikipedia (deutsch) – https://de.wikipedia.org/wiki/Roth-H%C3%A4ndle
- Roth-Händle – Wikipedia (englisch) – https://en.wikipedia.org/wiki/Roth-H%C3%A4ndle
- Badische Tabakmanufaktur – Wikipedia (deutsch) – https://de.wikipedia.org/wiki/Badische_Tabakmanufaktur
- DPMAregister: Marke 25784 „ROTH-HÄNDLE“ (Anmeldung 1897, Löschung 2007) – https://register.dpma.de/DPMAregister/marke/register/25784/DE
- Reemtsma Cigarettenfabriken: Unsere Produkte (Markenportfolio) – https://reemtsma.com/unser-unternehmen/produkte/
- Reemtsma: Pressemitteilung „Imperial Brands plant Rückzug vom Standort Langenhagen“ (1. Oktober 2025) – https://reemtsma.com/pressemitteilungen/imperial-brands-plant-rueckzug-vom-standort-langenhagen/
- Horizont: „Roth Händle setzt auf Blond“ (19. August 1998) – https://www.horizont.net/marketing/nachrichten/Roth-Haendle-setzt-auf-Blond-7182
- Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek: Ausstellung „Michael Engelmann“ (2004) – https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/michael-engelmann/
- Deutsches Panzermuseum Munster: Roth-Händle-Zigaretten als Frontzuteilung (Objekt des Monats Januar 2017) – https://daspanzermuseum.de/en/roth-haendle-cigarettes-as-front-allotment/
- Reemtsma Cigarettenfabriken – Wikipedia (deutsch) – https://de.wikipedia.org/wiki/Reemtsma_Cigarettenfabriken
- Michael Engelmann (Grafiker) – Wikipedia (deutsch) – https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Engelmann_(Grafiker)
- brand-history.com: Roth-Händle-Werbemotive 1967–1981 – https://brand-history.com/imperial-tobacco-group/roth-handle
- BMEL (Archiv): Was steckt in meiner Zigarette wirklich drin? Zusatzstoffliste, Stand 2010 – https://web.archive.org/web/20150330035108/http://www.bmel.de/DE/Ernaehrung/Gesundheit/NichtRauchen/_Texte/Tabakzusatzstoffe.html
- Wikimedia Commons: Datei „Roth handle cigarette logo.png“ (PD-textlogo) – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Roth_handle_cigarette_logo.png
- zigsam.at: Sammlerdatenbank Roth-Händle (Packungen, Sorten, Länder) – http://www.zigsam.at/B_RothHaendle.htm
Hinweis zur Quellenlage: 1) Namensherkunft: Dass „Händle“ die alemannische Verkleinerungsform von „Hand“ ist und die rote Hand das Warenzeichen bildet, ist gesichert; warum das Motiv 1897 gewählt wurde, ist in keiner zugänglichen Quelle belegt. 2) Gründung der BTM: Wikipedia nennt die Gründung der Badischen Tabakmanufaktur Roth-Händle GmbH 1920 in Frankfurt; die Sammlerseite zigsam.at nennt 1918 und einen Gründer Josef Feist sowie eine „Wiedereinführung“ im Juni 1950. Der Text folgt Wikipedia. 3) Filter-Variante: Das Einführungsjahr ist nicht belegt; brand-history dokumentiert 1969 Anzeigen für ein „Filtermundstück“, daher „spätestens 1969“. Die „Leichte Mischung“ datiert zigsam.at auf 1978–1991, Wikipedia nur auf die 1970er. 4) Nikotin-/Teerwerte der 1980er (1,4 mg / 21 mg) stammen aus der deutschen Wikipedia ohne dortigen Einzelnachweis; die heutigen Werte (10/1,0/6 mg) aus der BMEL-Liste, Stand 2010. 5) Markenrecht: Die DPMA-Eintragung 25784 von 1897 wurde zum 1. Januar 2007 auf Antrag gelöscht; unter welchen neueren Registrierungen Reemtsma die Marke heute führt, wurde nicht geprüft. 6) Aktueller Status: Reemtsma listet Roth-Händle im September 2026 auf der Unternehmensseite als Bestandteil des Portfolios; ob und wo nach dem angekündigten Produktionsende in Langenhagen weiter produziert wird, ist offen. 7) Die Nachnutzung des Lahrer Werksgebäudes als Industriehof stützt sich nur auf eine Bildunterschrift in der englischen Wikipedia. 8) Der Absatz in Frankreich, Schweiz, Italien und den USA beruht auf Sammlerdatenbanken, nicht auf Herstellerangaben.