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Orient und Balkan: die orientalische Zigarette
Bevor es den American Blend gab, roch die Zigarette nach Orient: nach den kleinen, sonnengetrockneten Blättern aus Xanthi, Samsun und Izmir, die griechische Fabrikanten in Kairo zu Zigaretten rollten. In Dresden bekam die Orientzigarette eine Moschee als Fabrik, in New York hieß sie Murad oder Fatima. Diese Seite erzählt, warum die orientalische Zigarette ihre Marken fern der Anbaugebiete fand, was reine Orienttabake im Rauch auszeichnet, wie Camel und die Nachkriegszeit sie verdrängten – und wo in der Türkei, in Griechenland und auf dem Balkan der Tabak bis heute wächst.
| Tabak | Orienttabak (englisch „Turkish“): kleinblättrig, sonnengetrocknet; Anbau in Thrakien, Makedonien, um Izmir und an der türkischen Schwarzmeerküste |
|---|---|
| Format | Flach-oval, meist filterlos, ursprünglich von Hand gerollt; verpackt in Blechdosen und Schiebeschachteln |
| Kairo | Nestor Gianaclis ab 1871, Kyriazi Frères ab 1873; Anbauverbot in Ägypten 1890, Export nach Europa ab den 1880er Jahren |
| Dresden | Compagnie Laferme 1862, Jasmatzi in den 1880er Jahren, Yenidze 1886 (Neubau 1908/09); zeitweise über 200 Zigaretten- und Zubehörfabriken |
| Marken | Salem Aleikum, Piaster (Sulima), Ernte 23 (Dresden, Hamburg), Manoli, Muratti (Berlin), Nil (Wien), Murad, Fatima (USA), Balkan Sobranie (London) |
| Wende | Camel 1913 als American Blend mit Orientanteil; in Deutschland nach 1945 durch die Besatzungssoldaten |
| Heute | Orient als Würzanteil im American Blend; Anbau in der Türkei, Griechenland, Nordmazedonien und Bulgarien; Tabakmuseum Kavala |
Kleine Blätter, großes Aroma: was eine Orientzigarette ist
Eine Orientzigarette erkennt man, bevor man sie anzündet: flach und oval statt rund, meist ohne Filter, gern mit Kork- oder Goldmundstück, verpackt in einer flachen Blechdose oder einer Schiebeschachtel. Was sie ausmacht, steckt im Inneren – reiner Orienttabak, jene kleinblättrige, an der Sonne getrocknete Spielart der Tabakpflanze, die in den Hügeln Thrakiens und Makedoniens, an der Ägäis um Izmir und am Schwarzen Meer um Samsun wächst. „Türkisch“ hieß dieser Tabak im Englischen, weil die Anbaugebiete bis ins frühe 20. Jahrhundert zum Osmanischen Reich gehörten; in den Preislisten der deutschen Fabriken wurde daraus der „Orient“.
Die Pflanze trägt viele, aber kleine Blätter, manche nicht größer als eine Hand. Sie wächst auf kargen, trockenen Hängen, und gerade dieser Mangel prägt ihren Charakter: Die Blätter bleiben dünn, reichern aber Harze und ätherische Öle an. Nach der Ernte werden sie einzeln auf Schnüre gefädelt und in der Sonne getrocknet, was Zucker und Aroma bewahrt. Der Rauch reiner Orienttabake ist leicht und trocken, würzig, von einer harzigen Süße, die Kenner mit Heu, getrockneten Kräutern und einem Hauch Weihrauch vergleichen; im Nikotin sind die Blätter eher zurückhaltend, und ihr Rauch lässt sich leichter inhalieren als der dunkler Tabake (zur gesundheitlichen Einordnung: Gesundheit). Die Provenienzen hatten ihren Rang wie Weinlagen; Sorten und Anbau des Orienttabaks beschreibt die Schwesterseite tabak.org.
| Herkunft | Heute | Charakter und Bedeutung |
|---|---|---|
| Yenice (Genisea), Xanthi | Griechenland, Westthrakien | Basma-Tabake, galten als die mildesten und aromatischsten; Namensgeber der Dresdner Yenidze |
| Drama, Kavala | Griechenland, Ostmakedonien | Basma; Kavala war Umschlag- und Verarbeitungsplatz mit großen Tabaklagerhäusern |
| Samsun, Bafra | Türkei, Schwarzmeerküste | kleine, sehr aromatische Blätter, die hoch bezahlt wurden |
| Izmir (Smyrna) | Türkei, Ägäis | größere Blätter, mild und sanft; mengenmäßig die wichtigste Herkunft |
| Prilep, Yaka | Nordmazedonien | würzige Tabake, heute Bestandteil vieler American Blends |
| Rhodopen, Südwesten | Bulgarien | Orienttabake, die einst in großen Mengen nach Hamburg und Dresden gingen |
Vom Hang in die Dose
- Anzucht in Saatbeeten, Auspflanzen im Frühjahr auf steinige, sonnige Hänge.
- Ernte Blatt für Blatt von unten nach oben, meist in den frühen Morgenstunden.
- Auffädeln auf lange Schnüre und Trocknen an Gestellen unter freiem Himmel.
- Handelsbearbeitung in den Lagerhäusern von Kavala, Xanthi, Samsun oder Izmir: Sortieren, Pressen in Ballen, monatelange Reifung.
- Verschiffung über Thessaloniki, Kavala oder Izmir nach Triest und Hamburg, von dort per Bahn oder Elbkahn in die Fabriken.
- In der Fabrik: Befeuchten, Entrippen, Schneiden, Mischen der Provenienzen und Rollen zur ovalen Zigarette – erst von Hand, seit den 1880er Jahren zunehmend mit der Maschine.
Die Régie und der Auszug der griechischen Tabakhändler
Dass die orientalische Zigarette ihre großen Marken in Kairo, Dresden, Berlin und New York bekam und nicht in Istanbul, hat einen handfesten Grund. Das Osmanische Reich war in den 1870er Jahren zahlungsunfähig geworden, und seine europäischen Gläubiger sicherten sich über die Staatsschuldenverwaltung die einträglichsten Einnahmen. 1883/84 ging das Tabakgeschäft an eine Monopolgesellschaft, die „Régie co-intéressée des tabacs de l’Empire ottoman“, getragen von einem Konsortium europäischer Banken. Die Régie kaufte den Bauern die Ernte ab, kontrollierte Verarbeitung und Verkauf und hielt sich eine bewaffnete Wachtruppe gegen den Schmuggel – ein Staat im Staat, der bis 1925 bestand und dann im türkischen Staatsmonopol Tekel aufging.
Für die Tabakhändler und Zigarettenmacher des Reiches, sehr oft Griechen, bedeutete das Monopol das Ende ihrer Selbständigkeit. Viele gingen. Das Haus Muratoglu, seit 1821 im Istanbuler Tabakhandel, zog in den 1880er Jahren nach Berlin und London; die Brüder Sossidi aus dem makedonischen Nymfeo, seit 1838 in Konstantinopel, gründeten in Hamburg neu; Ioannis Kyriazis, zuvor Tabakhändler in Smyrna, hatte seine Firma schon 1873 in Kairo gegründet; die Régie verstärkte einen Zug nach Ägypten, der längst begonnen hatte. Und der 1846 in Konstantinopel geborene Georgios Iasmatzis, der mit dreizehn Jahren das Zigarettenhandwerk gelernt hatte, war schon 1868 nach Dresden gekommen, wo er als Georg Anton Jasmatzi einer der wichtigsten Fabrikanten der Stadt werden sollte. Wie die Zigarette selbst mit den Soldaten des Krimkriegs nach Westeuropa gelangte, erzählt die Geschichte der Zigarette.
Kairo um 1900: die ägyptische Zigarette
Ägypten lag außerhalb der Régie: formal noch osmanisch, seit 1882 aber von britischen Truppen besetzt. So wurde das Land zum Zufluchtsort der vertriebenen Tabakleute und zum unwahrscheinlichsten Zentrum der Zigarettenmode, denn der im Land angebaute Tabak galt als minderwertig, und ab 1890 war der Anbau sogar verboten, damit sich der Zoll auf das eingeführte Blatt leichter erheben ließ. Die ägyptische Zigarette bestand also von Anfang an aus importiertem türkischem Tabak. Die ersten Fabriken waren älter als die Régie: Als Gründer der Industrie gilt Nestor Gianaclis, ein Grieche, der 1864 nach Ägypten kam und 1871 in Kairo eine Fabrik gründete; zeitweise produzierte er im Palast des Khairy Pascha, den 1919 die Amerikanische Universität erwarb. 1873 folgten die Brüder Kyriazi mit einer Fabrik in der Muski-Straße.
Den Durchbruch brachten die britischen Offiziere, die nach 1882 in Kairo Gefallen an den handgerollten Zigaretten fanden und sie nach Hause bestellten; binnen weniger Jahre war „Egyptian“ in London ein Qualitätsbegriff. Kyriazi Frères bezogen 1897 einen eigens gebauten Fabrikpalast, in dem über fünfhundert Beschäftigte Zigaretten von Hand fertigten, und exportierten um 1901 mehr als hundert Millionen Stück im Jahr. Arthur Conan Doyle ließ 1904 in einer Sherlock-Holmes-Geschichte einen Zeugen von seinen Zigaretten aus Alexandria schwärmen, deren Asche den Fall löst.
Der Erfolg war zugleich der Anfang vom Ende, denn die ägyptische Zigarette wurde überall nachgeahmt – in New York von griechischen Landsleuten, ab 1913 von einer amerikanischen Zigarette mit Dromedar und Pyramiden auf der Packung, in der der türkische Tabak nur noch eine Zutat war. Nach dem Ersten Weltkrieg wandte sich der Geschmack in London und New York vom reinen Orient ab; die griechischen Firmen Kairos wurden nach der Revolution von 1952 verstaatlicht, und die heutige ägyptische Volkszigarette Cleopatra ist ein Produkt für den Binnenmarkt.
Dresden: Hauptstadt der Orientzigarette
In Deutschland begann die Zigarettenindustrie 1862 mit einer Filiale: Der Petersburger Fabrikant Joseph von Huppmann-Valbella eröffnete in Dresden die Compagnie Laferme, um den deutschen Markt nicht länger über verzollte Importe aus Russland zu bedienen. Die Stadt lag günstig, der Tabak kam per Elbkahn aus Hamburg, die fertigen Zigaretten gingen per Bahn nach Wien und Triest. 1880 zählte Dresden schon 21 Zigarettenfabriken mit rund 120 Millionen Stück im Jahr, zwei Drittel der deutschen Produktion – und was hier gedreht wurde, war Orient: Sorten wie Aegypter, Sultan und Dubec bei Laferme, Cheops, Sphinx und Ramses bei Jasmatzi, Fabriken namens Kosmos, Patras oder Macedonia. Nach Zählung des Stadtmuseums gab es in Dresden zeitweise über zweihundert Zigaretten- und Zubehörfabriken; 1931 wurden in der Stadt zwölftausend Tonnen Orienttabak verarbeitet.
Jasmatzi war der Prototyp des griechisch-deutschen Fabrikanten: 1868 Werkmeister bei Laferme, in den 1880er Jahren mit selbstgedrehten Zigaretten selbständig (Gewerbegenehmigung 1886), 1900 Bauherr einer Fabrik in Striesen, 1901 Gründer einer Aktiengesellschaft, an der sich die American Tobacco Company als Mehrheitsaktionärin beteiligte – mit zehn Millionen Mark Kapital die größte Gesellschaft der deutschen Tabakindustrie. Zur Jasmatzi AG gehörten später die Dresdner Tabak- und Cigarettenfabrik Sulima mit ihrer Marke Piaster, deren Dosen heute Sammlerstücke sind, und die Berliner Josetti mit der Juno, die 1896 als dicke, runde Zigarette bewusst gegen die flachen Ovalen antrat. Auch Haus Bergmann, dessen Kürzel nach dem Krieg als HB wiederkehrte, war eine Dresdner Orientfabrik.
Yenidze: die Tabakmoschee
Das berühmteste Bauwerk der Dresdner Orientzigarette steht bis heute an der Weißeritzstraße. Hugo Zietz hatte seine 1886 gegründete „Orientalische Tabak- und Cigarettenfabrik Yenidze“ nach dem Ort benannt, aus dem er den besten Tabak bezog, dem Yenice bei Xanthi. 1907 erwarb er ein Grundstück zwischen Bahngleisen und Innenstadt, auf dem eine als solche erkennbare Fabrik nicht gebaut werden durfte. Sein Architekt Martin Hammitzsch entwarf deshalb 1908/09 eine Fabrik, die aussieht wie eine Moschee: 62 Meter hoch, mit farbig verglaster Kuppel und einem als Minarett getarnten Schornstein. Die Dresdner waren entsetzt, doch der Bau erfüllte seinen Zweck als begehbare Reklame, und „Tabakmoschee“ nennt man ihn bis heute. 1924 verkaufte Zietz an Reemtsma; nach dem Krieg lagerte hier der VEB Importtabak, später Tabakkontor, den Rohtabak für sämtliche Zigarettenfabriken der DDR.
Salem Aleikum und die Nummern auf der Packung
Die Marke der Yenidze hieß Salem, nach dem arabischen Gruß, der auf den orientalischen Tabak hinweisen sollte. Salem Aleikum war oval, Salem Gold rund, und die Nummer auf der Packung verriet Stärke, Güte und Preis zugleich: Eine No. 3½ war mild und kostete dreieinhalb Pfennig das Stück, ab No. 6 begannen die Luxusqualitäten. Die Marke überlebte alles: Reemtsma führte sie weiter, in der DDR gab es die filterlosen Salem gelb und Salem rot bis zum Schluss für 1,60 Mark die Schachtel – „Der Mann von Welt raucht Salem gelb, der Mann in Not raucht Salem rot“, reimte der Volksmund –, und eine filterlose Salem No. 6 stellte Reemtsma noch bis 2016 her. Mit der amerikanischen Mentholzigarette gleichen Namens, benannt nach der Stadt Winston-Salem, hat sie nichts zu tun.
Berlin, Hamburg, Wien: Manoli, Muratti und Nil
Berlin war das zweite Zentrum, und hier wurde die Orientzigarette zur Kunst. Jakob Mandelbaum, seit 1889 Berliner Vertreter von Jasmatzi, gründete 1894 mit acht Mitarbeitern eine eigene Fabrik, die ab 1897 Manoli hieß. Ihre Packungen – die fliederfarbene „Meine Kleine“ von 1900, das „Gibson Girl“ von 1905 mit der Dame im blauen Abendkleid – gelten als frühe Beispiele eines durchgehenden Firmendesigns. Lucian Bernhard reduzierte 1910 das Logo auf ein M im roten Kreis. Im selben Jahr leuchtete für Manoli die erste elektrische Lichtreklame Berlins, ein Kreis, in dem die Buchstaben ruhelos ihre Runden drehten – und der Volksmund machte daraus ein Wort: Wer „total manoli“ war, hatte einen Kreisel im Kopf. 1924 kaufte Reemtsma die Manoli AG, 1930 endete die Produktion; das Jüdische Museum Berlin erinnerte 2008/09 mit der Ausstellung „Total Manoli? – Kein Problem!“ an die jüdischen Unternehmer der Zigarettenindustrie. Mehr zur Reklamekunst steht in der Rubrik Design.
Muratti nahm den Weg vom Bosporus nach Berlin. Das 1821 in Istanbul gegründete Haus des griechischen Tabakhändlers Basil Muratoglu ließ sich 1885 in Berlin und 1887 in London nieder; „Muratti’s Ariston“ wurde zur Luxusmarke der Kaiserzeit. Die deutsche Marke gehört heute zu British American Tobacco, die internationale zu Philip Morris, die sie als Muratti Ambassador vor allem in Italien und der Schweiz führt. Die Brüder Sossidi produzierten in Hamburg, druckten aber „Sossidi frères de Constantinople“ samt türkischen Schriftzeichen auf Dosen und Preislisten – Marken wie „Fleur d’Orient“ sollten nach Bosporus duften, nicht nach Fuhlentwiete. In Wien schließlich brachte die österreichische Tabakregie 1901 die Nil heraus, eine ovale, filterlose Orientzigarette, die in Künstlerkreisen Kult wurde; Otto Dix rauchte sie. Die klassische Nil aus reinem Orienttabak verschwand erst zur Jahreswende 2003/04 mit den neuen europäischen Grenzwerten für Teer und Nikotin.
Murad, Fatima, Helmar: die türkische Zigarette in Amerika
In den Vereinigten Staaten hieß die Orientzigarette „Turkish“, und auch dort waren es Griechen, die sie groß machten. Der New Yorker Tabakhändler Soterios Anargyros importierte zunächst Egyptian Deities und ließ dann eigene Marken aus reinem türkischem Tabak von Hand rollen: Murad, Helmar, Mogul. Um 1900 verdreifachten die Hersteller türkischer und ägyptischer Zigaretten ihren Absatz und wurden zu ernsthaften Konkurrenten der großen Marken. Als der Tabaktrust 1911 zerschlagen wurde, fiel Murad an Lorillard, das die Marke mit einer langen, aufwendig gestalteten Anzeigenserie ausstattete – orientalische Fantasien in satten Farben, gezeichnet von Rea Irvin. Fatima von Liggett & Myers, mit verschleierter Dame, Halbmond und Sternen auf der Packung, war um 1911 eine der ersten Marken in der Zwanzigerpackung zu fünfzehn Cent und in den 1910er Jahren eine der meistverkauften Marken des Landes. In London hielten derweil Häuser wie Sullivan Powell und Benson & Hedges die Fahne des reinen Orients hoch; das 1879 gegründete Balkan Sobranie gehört heute zu Japan Tobacco und wird in veränderter Rezeptur weitergeführt.
Der Niedergang: American Blend und der Geschmack der Sieger
Die Zigarette, die den reinen Orient verdrängte, trug sein Kostüm. R. J. Reynolds brachte 1913 die Camel heraus, benannt nach dem türkischen Tabak, den sie in Nachahmung der modischen ägyptischen Zigaretten enthielt, und ließ ein Zirkusdromedar vor Pyramiden und Palmen auf die Packung malen. Doch der Orient war darin nur noch Gewürz: gemischt mit süßem Virginia und Burley, der Soßen aufnimmt, entstand der American Blend – billiger als die handgerollte Türkische, rund im Geschmack und gleichbleibend von Packung zu Packung. Bis 1925 hielt Camel zwei Fünftel des amerikanischen Marktes, und Fatima, Murad und Helmar verblassten zu Nischenmarken.
Deutschland blieb Orientland, noch zwei Jahrzehnte länger. Reemtsma baute sein Imperium auf Orienttabak: 1923 kaufte sein Einkäufer David Schnur eine komplette Jahresernte Orienttabak auf – je nach Darstellung aus Bulgarien oder aus Makedonien um Saloniki –, aus der 1924 die Ernte 23 entstand; 1926 nahm die Firma eine Mischtrommel in Betrieb, die die schwankenden Orientjahrgänge zu einem stets gleichen Geschmack verband. Innerhalb weniger Jahre übernahm Reemtsma Manoli, Josetti, Jasmatzi, Yenidze und ein halbes Dutzend weitere Fabriken; bis zum Zweiten Weltkrieg hatten Orientzigaretten in Deutschland den größten Marktanteil. Was danach kam, brachten die amerikanischen Soldaten in der Tasche mit. Ernte 23 kehrte 1956 mit Filter und einer Virginia-Orient-Mischung zurück, HB trat 1955 als Filterzigarette nach amerikanischem Muster an. In der DDR, die ihren Tabak aus Bulgarien bezog und über die alte Yenidze verteilte, hielt sich der Orientgeschmack länger – etwa in Salem gelb und rot –, bis auch dort nach 1990 die Westmarken kamen; die Dresdner f6 ging mit ihrer eigenwilligen Mischung einen eigenen Weg abseits des American Blend.
Praxistipp: Alte Orientzigaretten erkennt man auf dem Flohmarkt an der Verpackung: flache Blechdosen und Schiebeschachteln für ovale Zigaretten, oft mit Nummern statt Sortennamen, mit Hinweisen wie „Goldmundstück“ und mit Herkunftsversprechen von Yenidze bis Macedonia auf dem Deckel. Wer die Geschichte dahinter sehen will, findet sie im Tabakmuseum von Kavala, das die Handelsbearbeitung des Orienttabaks zeigt; das Stadtmuseum Dresden widmete ihr 2021 die Sonderausstellung „Tabakrausch an der Elbe“, deren Begleitbuch und Online-Präsentation geblieben sind.
Was geblieben ist: Türkei, Griechenland und der Balkan heute
Die reine Orientzigarette ist ein Sammlerthema geworden, der Orienttabak nicht. Er ist bis heute der dritte Bestandteil fast jedes American Blend, in der Regel der kleinste, aber der, der die Würze bringt; weil sich seine Anbaufläche kaum ausdehnen lässt, gehört er zu den teuersten Tabaken der Mischung. In der Türkei sind Izmir und die Schwarzmeerküste um Samsun die Zentren geblieben, auch wenn der Anbau staatlich begrenzt wird; das Monopol Tekel, 1925 aus der Régie hervorgegangen, ging 2008 an British American Tobacco. In Griechenland wachsen Basma-Tabake bei Xanthi, Drama und Kavala, gehen in die Mischungen der Konzerne und werden im Land selbst noch als Pfeifentabak und Feinschnitt angeboten; Karelia in Kalamata und Papastratos, 1930 in Piräus gegründet, heute mit Werk in Aspropyrgos und Teil von Philip Morris, sind die großen Hersteller des Landes. Nordmazedonien liefert Prilep-Tabak an die großen Konzerne für deren American Blends, Bulgarien führt mit Bulgartabac seine Tabaktradition fort.
Dresden hat seine Fabriken verloren – die letzte, die f6-Fabrik im alten Jasmatzi-Areal, schloss im Juli 2025 –, aber nicht sein Wahrzeichen: Die Yenidze steht, das Stadtmuseum bewahrt die Plakate von Fritz Rehm bis Willy Petzold, und in Striesen sind die Fabrikhallen zu Wohnungen geworden. Die anderen Länder dieser Rubrik versammelt die Übersicht Zigarette und Länder; die Marken selbst stehen im Markenlexikon.
Quellen
- Tobacco industry in Egypt – Wikipedia (englisch) – https://en.wikipedia.org/wiki/Tobacco_industry_in_Egypt
- Yenidze – Wikipedia (deutsch) – https://de.wikipedia.org/wiki/Yenidze
- Liste von Zigarettenfabriken in Dresden – Wikipedia (deutsch) – https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Zigarettenfabriken_in_Dresden
- Stadtmuseum Dresden: „Tabakrausch an der Elbe. Geschichten zwischen Orient und Okzident“ – Rückblick auf die Ausstellung 2021 – https://www.blog-stadtmuseum-dresden.de/tabakrausch/
- Tobacco Museum of Kavala – Visit Kavala (Tourismusportal der Stadt Kavala) – https://www.visitkavala.gr/en/sightseeing/mouseio-kapnou-dimou-kavalas/
Häufige Fragen
- Was ist eine Orientzigarette?
Eine Zigarette aus reinem Orienttabak – den kleinblättrigen, sonnengetrockneten Tabaken aus Griechenland, der Türkei, Bulgarien und Nordmazedonien –, meist flach-oval und ohne Filter. Bis zum Zweiten Weltkrieg war sie in Deutschland die Regel; heute dient Orienttabak fast nur noch als Würzanteil im American Blend.
- Warum heißt die Dresdner Tabakfabrik Yenidze?
Nach Yenice, dem heutigen Genisea bei Xanthi in Nordgriechenland, das damals zum Osmanischen Reich gehörte. Von dort bezog Hugo Zietz den Tabak, der als mildester und aromatischster Orienttabak galt. Der 1908/09 errichtete Fabrikneubau im Stil einer Moschee machte den Namen bekannt.
- Gibt es heute noch reine Orientzigaretten?
Kaum noch. Die filterlose Nil aus reinem Orienttabak wurde 2003/04 eingestellt, die Salem No. 6 im Jahr 2016; Sobranie wird in veränderter Rezeptur weitergeführt. Den Charakter reiner Orienttabake findet man heute am ehesten in Pfeifenmischungen mit hohem Orientanteil oder in griechischem Feinschnitt.
- Hat die amerikanische Salem etwas mit der Dresdner Salem zu tun?
Nein. Salem Aleikum und Salem Gold der Dresdner Yenidze waren filterlose Orientzigaretten, benannt nach dem arabischen Gruß. Die amerikanische Salem ist eine Mentholfilterzigarette von 1956, benannt nach dem Firmensitz Winston-Salem in North Carolina.
- Warum wurden die ägyptischen Zigaretten von Griechen hergestellt?
Weil die Tabakhändler des Osmanischen Reiches sehr oft Griechen waren und osmanische Tabakmonopole – schon vor der Régie und endgültig mit ihr 1883/84 – viele von ihnen aus dem Geschäft drängten. Ägypten lag außerhalb dieser Monopole. Dort hatten Nestor Gianaclis (1871) und die Brüder Kyriazi (1873) schon früh Fabriken gegründet, weitere folgten, alle mit importiertem türkischem Tabak. Nach der britischen Besetzung 1882 machten britische Offiziere die ägyptische Zigarette in Europa bekannt.