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Die Zigarette in der DDR
Vier Jahrzehnte lang rauchte ein ganzes Land ganz überwiegend, was seine eigenen Fabriken drehten: die Dreizwanziger f6 und Cabinet, die filterlose Karo für 1,60 Mark, die teure Club aus Berlin-Pankow. Dahinter stand ein Kombinat mit Sitz in Dresden, Rohtabak aus Bulgarien, China und der Uckermark – und daneben eine zweite Währung aus Marlboro-Stangen und Westpaketen. Diese Seite erzählt, wie die Zigarette der DDR entstand, was sie kostete, warum sie kaum beworben wurde und was 1990 aus ihr geworden ist.
| Zentrum | Dresden: Kombinat Tabak (gegründet 1978, Leitung ab 1982 in Dresden), Stammbetrieb VEB Vereinigte Zigarettenfabriken Dresden im Stadtteil Striesen |
|---|---|
| Zigarettenwerke | vor allem Dresden (ehemals Jasmatzi), Berlin-Pankow (ehemals Garbáty) und Nordhausen (Nortak), 1990 laut taz auch Dingelstädt; Rohtabaklager im Yenidze-Bau |
| Marken | Cabinet, f6, Juwel, Club, Karo, Semper, Duett, Salem, Juno, Real, Casino; zuletzt 17 Marken und Sorten für Mark der DDR, darunter rund ein Dutzend eigene Marken des Kombinats und Importe wie die bulgarische Juwel 72 |
| Preise (EVP, 20 Stück) | Karo, Salem, Real 1,60 M; Juwel 2,50 M; f6, Cabinet, Semper 3,20 M; Club 4,00 M; Duett 6,00 M |
| Verbrauch 1989 | knapp 31 Milliarden Zigaretten; Marktanteile Cabinet 33 %, f6 27 %, Juwel und Club je 11 % |
| Rohtabak | Bulgarien, China, Brasilien, Simbabwe; Kentucky aus Italien für die Karo; Eigenanbau in der Uckermark |
| Ende | 1. Mai 1990 Auflösung des Kombinats; ab September 1990 Dresden an Philip Morris, Nordhausen an Reemtsma, Berlin an R. J. Reynolds |
Dresden, die Zigarettenstadt
Wer die Zigarette der DDR verstehen will, muss vor der Staatsgründung anfangen. Dresden war seit den 1880er Jahren die Hauptstadt der deutschen Zigarette: Hier gründete der griechischstämmige Georg Anton Jasmatzi 1880 seinen Betrieb, hier ließ Hugo Zietz 1908/09 für seine Fabrik Yenidze jenen Bau mit Kuppel und Minaretten errichten, der bis heute die Silhouette der Stadt prägt. In den 1920er Jahren kam etwa jede vierte deutsche Zigarette von der Elbe. Dann kaufte der Hamburger Reemtsma-Konzern die großen Dresdner Häuser zusammen, der Krieg machte aus der Jasmatzi-Fabrik ein Metallwerk, und die Luftangriffe vom Februar 1945 trafen auch die Yenidze.
Was übrig war, wurde 1946 auf Grundlage des sächsischen Volksentscheids enteignet. Aus Jasmatzi wurde ein VEB, der in den 1950er Jahren die Marke Turf drehte; in den Yenidze-Bau zog 1953 der VEB Tabakkontor ein, der fortan den Rohtabak des Landes einkaufte und lagerte. Gedreht wurde seither im Stadtteil Striesen, zwischen Schandauer und Glashütter Straße. 1958 fasste die VVB Tabakindustrie die Betriebe des Landes zusammen; 1959 gingen die Dresdner Betriebe im VEB Dresdner Zigarettenfabriken auf, der später als VEB Vereinigte Zigarettenfabriken Dresden, kurz Vezifa, firmierte; Jasmatzi wurde Werk I. Im selben Jahr kam die f6 auf den Markt – die Zigarette, die das Land drei Jahrzehnte begleiten sollte.
Vom VEB zum Kombinat Tabak
1978 bekam auch der Tabak sein Kombinat: das VE Kombinat Tabak. Geleitet wurde es anfangs von Berlin aus; 1982 wanderte die Leitung nach Dresden, und die Vezifa wurde Stammbetrieb. Neun Betriebe gehörten dazu. Zigaretten kamen vor allem aus drei Werken in Dresden, Berlin-Pankow und Nordhausen; laut taz stellte 1990 auch Dingelstädt Zigaretten her. Das Berliner Werk war die einstige Fabrik der jüdischen Familie Garbáty, 1881 gegründet, 1906 nach Pankow gezogen und 1938 zum Verkauf gezwungen; nach 1949 hieß sie VEB Garbáty, ab 1960 Berliner Zigarettenfabrik, und zuletzt drehten dort rund 500 Beschäftigte Club, Cabinet und Karo. Die Ost-Juno entstand bis 1960 in den Josetti-Höfen in Berlin-Mitte, danach im VEB Tabak Nordhausen, kurz Nortak, der auch Cabinet, Semper und Duett herstellte. Die kleineren Betriebe für Zigarren, Pfeifentabak und Stumpen zeigt die Tabelle. Laut statistischem Betriebsregister der DDR (Stand 30. Juni 1990) arbeiteten in den früheren Kombinatsbetrieben 5.122 Menschen; die Entwicklung der Zigarettenindustrie in beiden deutschen Staaten beschreibt die Seite Geschichte der Zigarette.
| Betrieb | Ort | Aufgabe |
|---|---|---|
| VEB Vereinigte Zigarettenfabriken Dresden (Vezifa) | Dresden-Striesen | Stammbetrieb; f6, Karo, Juwel, Salem, Casino, zeitweise Cabinet |
| Werk Berlin (ehemals Garbáty) | Berlin-Pankow | Club, Cabinet, Karo; rund 500 Beschäftigte |
| VEB Tabak Nordhausen (Nortak) | Nordhausen | Cabinet, Semper, Duett, Juno Filter Format 100 |
| VEB Tabakkontor | Dresden, Yenidze-Bau | Einkauf und Lagerung des Rohtabaks |
| Zigarrenfabriken | Dingelstädt, Treffurt | Zigarren, darunter die Marke Sprachlos; in Dingelstädt laut taz 1990 auch Zigaretten |
| Bandtabak Malchin, Unitas Schwerin, Waldheimer Stumpen | Mecklenburg, Sachsen | Bandtabak für Zigarren, Pfeifentabak, Stumpen |
Die Marken: von Karo bis Duett
Für Mark der DDR waren zuletzt 17 Marken und Sorten im Handel, rund ein Dutzend davon eigene Marken des Kombinats, streng nach Preis gestaffelt. Weil der Staat die Einzelhandelsverkaufspreise festlegte und auf jede Packung drucken ließ, wusste jeder, was der andere rauchte; die Marke war ein Stück sozialer Zuordnung. Ganz unten standen die Filterlosen für 1,60 Mark, in der Mitte die „Dreizwanziger“, darüber Club und Duett.
Die Dreizwanziger
Die f6 war 1959 Dresdens Antwort auf die Filterzigarette; ihr Name steht für „Filterzigarette der 60er Jahre“, nicht für die Fernverkehrsstraße 6. Kennzeichen waren das dunkelrote Kürzel, ein auffällig kurzer Filter und der braune Ring an der Zigarette. 1972 folgte die Cabinet in der Hartbox zu 20 Stück, mit einem von zwei Löwen gehaltenen Wappen, das nach Angaben des Museums Pankow auf Garbáty-Packungen aus der Zeit um 1920 zurückgeht. Ohne nennenswerte Werbung stieg sie zur meistgerauchten Zigarette des Landes auf: 1989 hielt sie ein Drittel des Marktes, rund 800 Millionen Stück verließen monatlich die Werke, f6 folgte mit 27 Prozent. Dritte im Bunde war die Semper aus Nordhausen, deren Preis von 3,20 Mark zwischen 1970 und 1990 kein einziges Mal geändert wurde.
Die Günstigen
Die Karo begann in den 1950er Jahren als „Carré“ in Berlin, im Zehnerpäckchen für eine Mark, wurde in den 1960er Jahren eingedeutscht und nach Dresden verlegt, doch auf jeder einzelnen Zigarette prangte bis zum Schluss das gekrönte C aus der Carré-Zeit. Ihre Mischung war einzigartig: dunkler Kentucky-Tabak aus Italien, über Holzfeuer getrocknet, ohne Filter und ohne Aromen – holzig, rauchig, schwer. Der Volksmund nannte sie Lungentorpedo, ein Spitzname, der mehr war als ein Witz; die nüchterne Einordnung steht auf der Seite Gesundheit. Dieselben 1,60 Mark kosteten die Salem gelb mit ovalem und die Salem rot mit rundem Querschnitt, beide filterlos, mit einem Namen aus der Yenidze-Zeit und einem Reim, der die Rangordnung festhielt: „Der Mann von Welt raucht Salem gelb, der Mann in Not raucht Salem rot.“ Dazu kamen Real, Casino im Zehnerpäckchen und Jubilar, ebenfalls ohne Filter, sowie die Juwel für 2,50 Mark als billigste Filterzigarette, seit 1972 auch als Juwel 72, gefertigt in Bulgarien. Filterlose machten seit Jahren stabil rund fünf Prozent des Verbrauchs aus – die Zigarette derer, die auf den Pfennig achten mussten.
Die Teuren
Die Club aus Berlin-Pankow, eine Marke aus der Vorkriegszeit, kostete vier Mark und war die gehobene Filterzigarette der DDR; 1989 kam sie auf elf Prozent des Marktes. Darüber stand die Duett aus Nordhausen, eine der wenigen Sorten im Format 100, fast zehn Zentimeter lang, in der Hartbox für sechs Mark – die Zigarette für den Geburtstag, den Besuch, das Mitbringsel. Auch die Juno, 1896 in Berlin geschaffen und einst mit „Aus gutem Grund ist Juno rund“ beworben, lebte in der DDR weiter: erst als flache, ovale Ost-Juno, in den 1980er Jahren als Juno Filter Format 100 aus Nordhausen, deren Überlänge nach Deutung des Politikwissenschaftlers Thomas Noetzel sozialistisches Weltniveau demonstrieren sollte.
| Marke | Werk | Typ | EVP für 20 Stück | Nach 1990 |
|---|---|---|---|---|
| Karo | Berlin, ab den 1960er Jahren Dresden | filterlos, Kentucky | 1,60 M | Philip Morris; 2022 eingestellt |
| Salem gelb / Salem rot | Dresden | filterlos, oval / rund | 1,60 M | ausgelaufen |
| Real, Casino, Jubilar | – | filterlos | 1,60 M (Real) | ausgelaufen |
| Juwel | Dresden | Filter, kurz | 2,50 M | Philip Morris; 2015/16 eingestellt |
| Juwel 72 | Bulgartabac (Import aus Bulgarien) | Filter, Standardlänge, Zellophan | 2,50 M | nach 1990 in Dresden gefertigt; eingestellt |
| f6 | Dresden | Filter, kurz | 3,20 M | Philip Morris; bis heute |
| Cabinet | Nordhausen, Dresden, Berlin | Filter, Hartbox | 3,20 M | Reemtsma; bis heute als Cabinet Original |
| Semper | Nordhausen | Filter | 3,20 M | Reemtsma; eingestellt |
| Club | Berlin-Pankow | Filter | 4,00 M | R. J. Reynolds, später JTI; inzwischen eingestellt |
| Duett | Nordhausen | Filter, Format 100 | 6,00 M | Reemtsma; bis heute |
| Juno Filter Format 100 | Nordhausen | Filter, Format 100 | – | Reemtsma; 2016 eingestellt |
Rohstoff: Orient, Bulgarien und die Uckermark
Eine Zigarette ist so gut wie ihr Tabak, und der musste mit knappen Devisen beschafft werden. Das Tabakkontor kaufte, was der Ostblock und befreundete Länder liefern konnten: Orienttabake aus Bulgarien, dem Tabakland des RGW, dazu Blätter aus China, Brasilien und Simbabwe, für die Karo den Kentucky aus Italien. Daraus komponierten die Mischer Rezepturen, die schwerer, herber und würziger ausfielen als der American Blend mit seiner Süße aus Virginia und Burley. Neben den eigenen Marken standen Fertigimporte im Regal, vor allem aus Bulgarien: die Filterzigaretten BT und Stewardess, deren Kürzel der Volksmund zu „Bulgarentod“ umdeutete, dazu Ware aus Albanien, Rumänien und Kuba. Wie sich Orient, Virginia, Burley und Kentucky im Aroma unterscheiden, erklärt tabak.org.
Ein Teil des Rohstoffs wuchs im Land, dort, wo er seit dreihundert Jahren wuchs: in der Uckermark. 1686 hatte Kurfürstin Dorothea den niederländischen Tabakpflanzer Cornelius van Couverden nach Schwedt geholt, der die zugewanderten Hugenotten in den Anbau einführte; sie machten ihn heimisch, und im 18. Jahrhundert war die Gegend an der unteren Oder mit 4.400 Hektar das größte zusammenhängende Tabakanbaugebiet Deutschlands. Die DDR wollte daran anknüpfen: 1953 bildete sie den VEB Rohtabak, mit dem Ziel, in der Tabakversorgung unabhängig zu werden und mit Exporten Devisen zu verdienen. Die großen Pläne gingen nicht auf, der Anbau blieb: 1988 bewirtschafteten allein in Vierraden 142 private Pflanzer 31 Hektar, dazu kamen 30 Hektar der LPG. Nach der Wende konnte sich der uckermärkische Tabak auf dem freien Markt nicht behaupten; heute pflanzt ein einziger Betrieb noch einige Dutzend Hektar Virginia. Geblieben ist das Tabakmuseum Vierraden in einer denkmalgeschützten Trockenscheune.
Preise, Verfügbarkeit und Alltag
Die Zigarette gehörte zu den Dingen, die es in der DDR verlässlich gab – in der Kaufhalle, im Konsum, am Kiosk. 1989 verbrauchte das Land knapp 31 Milliarden Zigaretten, ganz überwiegend aus eigener Produktion; 500 bis 600 Millionen Stück gingen sogar unter Handelsmarken in die Bundesrepublik. Die Preise galten über Jahrzehnte, und weil Werbung fehlte, lebten die Marken vom Gerede. Über den grob geschnittenen Tabak der f6 spottete man, der Unterschied zu Wasser sei, dass Wasser keine Balken habe; die Salem hatte ihren Reim, und über die Raucher der Real kursierte ein Vers mit Kreuzen im Tal, der schwarzen Humor mit einer nüchternen Beobachtung verband. Solche Sprüche gehörten zur Alltagskultur wie die Packungen selbst, auf denen der Preis als „EVP“ ebenso stand wie die Steuerbanderole der DDR.
Werbung in der DDR
Werbung gab es in der DDR durchaus, nur anders. Zuständig war eine einzige Agentur, die DEWAG, am 1. Oktober 1945 in Dresden gegründet, im Besitz der SED und mit zuletzt mehr als viertausend Beschäftigten. In den 1950er und 1960er Jahren entwarf sie noch Plakate und Anzeigen für Konsumgüter aller Art, Zigaretten eingeschlossen. Das Fernsehen strahlte ab 1960 die Werbesendung „Tausend Tele-Tips“ aus. 1975 zog die Staatsführung die Bremse: Binnenwerbung wurde auf Bereiche wie Materialökonomie, Versicherungen, Lotterie und Gesundheitserziehung beschränkt, die Fernsehwerbung endete 1976. Die Begründung war entwaffnend ehrlich – man wollte keine Wünsche wecken, die man nicht erfüllen konnte.
Für die Zigarette hieß das: Die Packung war ihr einziges Gesicht – und Cabinet stieg ohne nennenswerte Werbung binnen siebzehn Jahren zur Nummer eins auf. Ob Geschmack oder Mangel an Alternativen den Ausschlag gab, ließ schon die taz 1990 offen. Entsprechend konstant blieb die Gestaltung: Das rote Kürzel der f6, das Löwenwappen der Cabinet und das gekrönte C der Karo hielten sich über Jahrzehnte. Wie die Packung im Westen zum Werbeträger wurde, beschreibt die Seite Packungsdesign; den Aufwand für Kino- und Fernsehspots zeigt Zigarettenwerbung in Kino und Fernsehen.
Westzigaretten: Statussymbol und Tauschwährung
Neben dem volkseigenen Sortiment existierte eine zweite Zigarettenwelt, und sie roch anders: „parfümiert“, wie ein Zeitzeuge den aromatisierten American Blend rückblickend beschreibt, weich und süßlich, wo Karo und Salem herb und rauchig waren. Westzigaretten kamen auf drei Wegen zu den Rauchern. Im Westpaket der Verwandten lagen HB, Marlboro oder Chesterfield. Im Intershop standen sie im Regal: Am 14. Dezember 1962 wurde die Intershop GmbH gegründet, anfangs gedacht für Transitreisende und Westbesucher; ihre ersten, noch mobilen Stände im Bahnhof Friedrichstraße verkauften vor allem Zigaretten, deutlich billiger als in West-Berlin, später kamen Alkohol und andere Waren hinzu. Aus den Ständen wurde eine Kette mit mehreren hundert Läden und ab Mitte der 1980er Jahre über einer Milliarde D-Mark Umsatz im Jahr; DDR-Bürger zahlten seit dem 16. April 1979 mit Forumschecks, die sie eins zu eins gegen D-Mark bei den Banken der DDR eintauschen mussten. Ganz so westlich, wie sie wirkte, war die Ware nicht immer: Die Reemtsma-Zigaretten im Intershop kamen laut taz zum Teil aus der DDR, und in den Delikat-Läden gab es später auch in der DDR gefertigte Westmarken für Mark – nach Erinnerung eines Zeitzeugen für sieben Mark je Schachtel, weshalb kaum ein Raucher zugriff.
Wer Westzigaretten hatte, hatte mehr als Tabak. Die Stange Marlboro war Trinkgeld für den Handwerker, der sonst erst in Wochen kam, Dankeschön für die Verkäuferin, die Bückware unter dem Ladentisch hervorholte, Währung in einer Ökonomie der Beziehungen. Die Ostzigarette geriet so in eine paradoxe Lage: die Zigarette, die man rauchte, aber nicht die, die man sich wünschte – bis 1990 die Wünsche erfüllbar wurden und sich zeigte, dass viele doch lieber bei ihr blieben.
Praxistipp: DDR-Packungen lassen sich am Aufdruck datieren. Der Einzelhandelsverkaufspreis mit dem Kürzel „EVP“ und die Steuerbanderole der DDR sind typisch für Packungen bis 1990; der Vermerk „VEB Kombinat Tabak Dresden“ weist in die 1980er Jahre. Stücke aus dem Sommer 1990 zeigen die DDR-Banderole zusammen mit einem D-Mark-Preis, etwa „3,20 DM“ auf der f6; Packungen mit dem Namen einer Nachfolge-GmbH wie der Nortak Nordhausen GmbH stammen aus der Zeit ab Mai 1990. Eine Füllung von 19 statt 20 Zigaretten verweist auf die Zeit ab Sommer 1990.
1990: Währungsunion, Treuhand und Westkonzerne
Das Ende kam in Etappen, und jede hinterließ Spuren auf den Packungen.
- April 1990: Philip Morris bietet an, das gesamte Kombinat mit allen Marken zu übernehmen; sein Anteil am gesamtdeutschen Markt wäre von 28 auf 45 Prozent gesprungen. Das neu geschaffene Amt für Wettbewerbsschutz der DDR legt sein Veto ein.
- 1. Mai 1990: Das Kombinat erlischt, die neun Betriebe werden GmbHs, die Markenrechte gehen an die Werke: Cabinet geht an die Nortak Nordhausen GmbH, Club an die Berliner Zigarettenfabrik, f6, Karo und Juwel an die Zigarettenfabrik Dresden.
- 1. Juli 1990: Mit der Währungsunion kommen D-Mark-Preise auf die Packungen, und die Westmarken stehen über Nacht in jedem Laden. Die f6 kostet nun 3,20 D-Mark.
- Ab Sommer 1990: Die Cabinet wird umgestaltet – weißer Karton, Gold statt Gelb, das Wappen der Nortak statt des Kombinats, dann eine schlankere Packung mit 19 statt 20 Stück zum alten Preis.
- 11. September 1990: Die Treuhand überträgt die Nortak an Reemtsma, damals die Nummer zwei der Bundesrepublik; im selben Monat übernimmt Philip Morris die Vereinigten Zigarettenfabriken Dresden.
- 2. und 3. Oktober 1990: Am Tag vor der Einheit geht die Club an R. J. Reynolds, am Tag der Einheit endet die Produktion in Pankow. Die Marke lässt Reynolds Anfang der 1990er Jahre unter anderem in Berlin-Reinickendorf und Trier fertigen; später geht sie an JT International, das sie bis mindestens in die 2010er Jahre führt.
- Herbst 1990 bis 1991: Mit einer milderen Mischung nach Westgeschmack verliert Cabinet binnen Monaten zwei Drittel der Käufer; der Marktanteil fällt von 33 auf rund zehn Prozent. Reemtsma lenkt ein, und 1991 kehrt die alte Rezeptur als Cabinet Würzig zurück.
Die Lehre aus diesem Jahr zog Philip Morris am konsequentesten: Der Konzern ließ f6 und Karo, wie sie waren, warb mit Herkunft und Selbstironie – „Anschlag auf den Einheitsgeschmack“ hieß es auf den Karo-Plakaten – und erhielt für die Markenführung der f6 als erstes ostdeutsches Produkt den Goldenen Effie.
Nachleben: Ostalgie, Sammlerstücke, Museen
Drei Marken des Kombinats sind bis heute im Handel, und alle drei leben von ihrer Herkunft. Die f6 blieb über drei Jahrzehnte die Zigarette des Ostens, mit dem f6 Music Award für Nachwuchsbands von 1997 bis 2013; seit 2019 wird sie in Konzernwerken in Polen und Tschechien gefertigt. Das Dresdner Werk, das zuletzt vor allem Feinschnitt herstellte, schloss im Juli 2025; mit ihm endete die Tabakverarbeitung von Philip Morris in Deutschland. Cabinet gibt es als Cabinet Original, nach dem Ende von Nordhausen 2002 gefertigt im Reemtsma-Werk Langenhagen, dessen Schließung bis 2027 angekündigt ist. Die Duett hält sich als Nischenmarke in den neuen Bundesländern. Verschwunden sind Juwel 2015/16, die Juno im Mai 2016, 2022 die Karo und, ohne dokumentiertes Enddatum, auch die Club, die zuletzt JT International führte. In Wolfgang Lipperts Schlager „Erna kommt“ aus den frühen 1980er Jahren wird die Karo beim Namen genannt; in der westdeutschen Coverversion wurde daraus eine namenlose Zigarette, weil dort niemand die Marke kannte.
Die Gebäude haben die Marken überlebt. Die Yenidze ist seit 1996 Bürohaus mit Restaurant unter der Kuppel, die Jasmatzi-Fabrik an der Schandauer Straße wurde ab 2018 zu Wohnungen, aus dem Garbáty-Werk in Pankow, wo 1995 ein letzter Fortführungsversuch mit dem Konkurs endete, wurden bis 2012 Wohnungen. Die Packungen wanderten in die Vitrinen: Das DDR Museum in Berlin zeigt die Cabinet mit dem Aufdruck „EVP 3,20 M“, das Stadtmuseum Dresden eine Karo von 1989, das Tabakmuseum Vierraden das Handwerk hinter dem Rohstoff. Für Sammler sind die Schachteln des Übergangsjahres 1990 die reizvollsten Stücke: zwei Währungen, zwei Staaten auf wenigen Quadratzentimetern. Was aus den Marken im Einzelnen wurde, steht im Markenlexikon; die Gegenstücke jenseits der Grenzen, vom französischen Staatsmonopol bis zum amerikanischen Blend, porträtiert die Rubrik Zigarette und Länder.
Quellen
- Kombinat Tabak – Wikipedia (deutsch) – https://de.wikipedia.org/wiki/Kombinat_Tabak
- Josef Garbáty – Wikipedia (deutsch) – https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Garb%C3%A1ty
- taz, 13. Juli 1990: Volkseigener Dunst – die DDR-Zigarettenindustrie vor der Übernahme – https://taz.de/Volkseigener-Dunst/!1760036/
- LeMO, Haus der Geschichte: Zeitzeuge Lutz Baumann – Zigaretten in der DDR – https://www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/lutz-baumann-zigaretten-in-der-ddr.html
- Tabakmuseum Vierraden – Stadt Schwedt/Oder – https://www.schwedt.eu/de/tabakmuseum/land_bb_boa_01.c.137846.de
Häufige Fragen
- Welche Zigarette wurde in der DDR am meisten geraucht?
Am Ende der DDR die Cabinet: 1989 entfiel rund ein Drittel des Marktes auf sie, monatlich wurden etwa 800 Millionen Stück produziert. Dahinter lagen f6 (27 Prozent), Juwel und Club (je 11 Prozent), die in Bulgarien gefertigte Juwel 72 (5,8 Prozent) und Karo (4 Prozent). Der Jahresverbrauch lag bei knapp 31 Milliarden Stück, ganz überwiegend aus heimischer Fertigung, ergänzt um Fertigimporte vor allem aus Bulgarien.
- Was kostete eine Schachtel Zigaretten in der DDR?
Die Einzelhandelsverkaufspreise waren staatlich festgelegt, standen auf der Packung und blieben über Jahrzehnte gleich. Filterlose wie Karo, Salem und Real kosteten 1,60 Mark für 20 Stück, die Juwel 2,50 Mark, f6, Cabinet und Semper 3,20 Mark – daher der Name „Dreizwanziger“ –, die Club 4 Mark und die Duett im Format 100 sechs Mark.
- Wofür steht der Name f6?
Für „Filterzigarette der 60er Jahre“: Die Marke kam 1959 aus dem Dresdner Werk und sollte als modernes Produkt des neuen Jahrzehnts erkennbar sein; die heutige Packung trägt den Vermerk „seit 1962“. Die verbreitete Erklärung, der Name gehe auf die Fernverkehrsstraße 6 an der Yenidze zurück, ist eine Legende – f6 wurde nie in der Yenidze hergestellt, sondern in Dresden-Striesen.
- Welche DDR-Zigaretten gibt es heute noch?
Drei Marken des Kombinats sind weiterhin im Handel: f6 bei Philip Morris sowie Cabinet Original und Duett bei Reemtsma, alle vor allem in den ostdeutschen Bundesländern. Juwel wurde 2015/16 eingestellt, Juno im Mai 2016 und Karo im Jahr 2022. Die Club lief unter R. J. Reynolds und später JT International noch bis in die 2010er Jahre und ist inzwischen ebenfalls vom Markt; Semper und Salem gelb und rot verschwanden nach der Wende.
- Warum waren Westzigaretten in der DDR so begehrt?
Weil sie anders schmeckten und weil sie knapp waren. Der aromatisierte American Blend galt als weich und „parfümiert“, während die Ostmischungen herb und schwer ausfielen. Zu kaufen gab es Westmarken vor allem im Intershop, gegen D-Mark oder ab 1979 gegen Forumschecks, später teuer auch im Delikat, dort als in der DDR gefertigte Ware für Mark; ansonsten kamen sie im Westpaket. Wer sie besaß, konnte damit Handwerker, Verkäufer und Gefälligkeiten bezahlen – die Stange Marlboro war eine Währung neben der Mark.