
Kent
Kent war die Antwort der P. Lorillard Company auf die Krebsangst der frühen 1950er Jahre: eine Filterzigarette in weißer Packung, deren „Micronite“-Filter als größter Gesundheitsschutz der Zigarettengeschichte beworben wurde und bis 1956 Asbest enthielt. Seit 1977 führt British American Tobacco die Marke international, seit 2017 auch in den USA im eigenen Konzern; im Rumänien der Ceaușescu-Zeit wurde sie zur inoffiziellen Währung, in Deutschland fertigte sie über Jahrzehnte die deutsche BAT-Tochter. Die Seite zeichnet Geschichte, Eigentümer, Sortiment, Design und Namensherkunft nach.
| Eingeführt | 26. März 1952 in den USA; erste kleine Verkäufe im Januar 1952 |
|---|---|
| Hersteller | P. Lorillard Company (USA bis 2015); international British American Tobacco seit 1977; in den USA seit 2015 R. J. Reynolds Tobacco, seit 2017 vollständig im BAT-Konzern |
| Namensgeber | Herbert A. Kent, Präsident von Lorillard zur Zeit der Namenswahl im Oktober 1950 |
| Filter | „Micronite“-Filter; von März 1952 bis mindestens Mai 1956 mit Krokydolith (Blauasbest), ab Mitte 1956 Celluloseacetat |
| Erste Packung | weiße Schachtel mit feinen goldenen Querstreifen und Burg-Emblem; der Name Lorillard nur auf der Seite |
| Deutschland | gleichnamige Berliner Marke der Paicos KG ab 1948; amerikanische Kent überwiegend von BAT Germany gefertigt, laut Zigsam späte 1960er Jahre bis 2005; heute nicht in der Markenübersicht von BAT Germany |
| Marktstellung | 2012 rund 67 Milliarden Zigaretten in über 90 Märkten (BAT-Geschäftsbericht); globale Hauptmarke von BAT, 2025 mit Absatzzuwachs in der Türkei und in Brasilien |
Zur Einordnung: Dieses Markenlexikon dokumentiert Zigarettenmarken neutral als Teil der Konsum- und Wirtschaftsgeschichte. Es enthält keine Bezugsquellen und keine Empfehlung. Rauchen schädigt die Gesundheit – sachliche Informationen dazu stehen unter Gesundheit, Wege aus dem Konsum unter Rauchstopp.
Geschichte: Lorillards Antwort auf die Krebsangst
Kent stammt von der P. Lorillard Company, die 1760 in New York gegründet wurde und zu den ältesten Tabakfirmen der USA zählt. Anfang der 1950er Jahre wurde der Zusammenhang von Rauchen und Lungenkrebs öffentlich diskutiert, während die meisten Marken noch ohne Filter auskamen. Lorillard entwickelte von Mai bis Oktober 1950 eine neue Filterzigarette und stellte Kent am 26. März 1952 offiziell vor. Die erste Filterzigarette war sie nicht – Viceroy hatte schon 1936 einen Filter –, sie gilt aber als erste populäre.
Herzstück war der „Micronite“-Filter, beworben als „the greatest health protection in cigarette history“ – ein Versprechen, das sich als haltlos erwies (siehe unten). Etwa zur selben Zeit erschien in Reader’s Digest die Artikelserie „Cancer by the Carton“, und die Verkäufe von Kent schnellten in die Höhe: In den ersten gut vier Jahren setzte Lorillard nach Schätzungen rund 13 Milliarden Stück ab. Kent wuchs bis Ende der 1960er Jahre und zählte 1970 noch zu den zehn größten US-Marken, verlor danach aber Boden an Marken mit noch niedrigeren Teerwerten; 1979 gehörte sie nicht mehr zur Spitzengruppe.
Eigentümer und Produktion: von Lorillard zu BAT
In den USA blieb Kent sechs Jahrzehnte bei Lorillard, gefertigt anfangs in Jersey City und Louisville, später in Greensboro, North Carolina. Außerhalb der USA entstand die Marke früh in Lizenz, laut Packungsangaben etwa bei der Turkish-Macedonian Tobacco Co. in Zürich, den Austria Tabakwerken und der deutschen BAT-Tochter. 1977 verkaufte Lorillard die internationalen Rechte an seinen Marken; seither gehört Kent außerhalb der USA zu British American Tobacco (BAT).
BAT startete Kent 1997 neu und führt sie heute als globale Hauptmarke neben Dunhill, Lucky Strike, Pall Mall und Rothmans. 2012 verkaufte der Konzern rund 67 Milliarden Kent-Zigaretten in mehr als 90 Märkten; in Russland führte Kent damals das Premiumsegment an. 2015 übernahm Reynolds American Lorillard samt den US-Rechten, 2017 kaufte BAT Reynolds American vollständig – seitdem liegt die Marke weltweit in einem Konzern. Laut Geschäftsbericht 2025 wuchs der Absatz zuletzt in der Türkei und in Brasilien, während er in Japan und Rumänien zurückging.
Sortiment: vom Micronite-Filter zur Kapsel
Zum Grundprogramm gehörten Filterzigaretten in Normal- und King-Size-Länge. In den USA folgten bis Ende der 1960er Jahre die langen Deluxe-Length-Zigaretten, in den 1970er Jahren die leichteren Golden Lights, um 1980 die Kent III sowie Mentholversionen. Unter BAT wurde Kent zur Bühne für Filterneuheiten: Das österreichische Sammlerverzeichnis Zigsam dokumentiert ab Mitte der 2000er Jahre Linien wie Futura, Neo und Infina, später Nanotek, HD und Surround. 2010 kamen die Kent Convertibles mit Aromakapsel im Filter hinzu, 2012 gab es sie in 26 Märkten. Mehr zum Filter unter Aufbau.
Werbung und Design: weiße Packung, Burg und Fernsehen
Für die erste Packung zog Lorillard Verpackungsfachleute hinzu; in die engere Wahl kamen Entwürfe in Rot, Olivgrün und Weiß sowie einer im Tweedmuster, alle mit einer Burg als Emblem. Die Wahl fiel auf die weiße Schachtel mit feinen goldenen Querstreifen: Sie entsprach dem Branchentrend, wirkte größer, und Weiß stand für Sauberkeit und Reinheit, passend zum neuen Filter. Die Burg spielte auf Königtum an, ein damals verbreitetes Motiv; der Name Lorillard stand nur auf der Seite (mehr zur Geschichte des Packungsdesigns).
Die Werbung der 1950er Jahre setzte auf Technikglauben. Vorgestellt wurde Kent auf einer Pressekonferenz im New Yorker Waldorf-Astoria; Anzeigen erzählten, die Suche nach dem Filtermaterial habe in einer Atomanlage geendet, und Lorillard schickte Ärzten Geschenkpackungen mit Begleitbriefen. Anfang der 1960er Jahre sponserte Kent die Fernsehserie „The Dick Van Dyke Show“; Dick Van Dyke und Mary Tyler Moore warben in Spots mit dem Satz „Kent satisfies best“, dazu wurde die feste „crush proof box“ herausgestellt (siehe Zigarettenwerbung in Kino und Fernsehen).
Kent in Rumänien: Zigaretten als Zweitwährung
Im Rumänien der Ceaușescu-Zeit war Kent zwischen 1970 und 1990 die begehrteste Zigarette und diente vielfach als Zahlungsmittel und Bestechungsgabe. Das Magazin Time beschrieb 1979 Stangen der Kent in ihrer vertrauten weißen Packung, die sich im Devisenladen des Bukarester Hotels Intercontinental stapelten und bei Ärzten, Prüfern und Passbehörden Türen öffneten; die BAT-Tochter Brown & Williamson International hielt damals rund 90 Prozent des rumänischen Zigarettenimports. Später gab es Kent offiziell nur gegen Devisen, der Großteil kam über Seeleute, Flugpersonal und Diplomaten ins Land. Cristi Puiu benannte 2004 seinen Kurzfilm „Un cartuș de Kent și un pachet de cafea“ („Eine Stange Kent und ein Päckchen Kaffee“) nach dieser Praxis.
Kent in Deutschland
In Deutschland tauchte der Name zuerst ohne Lorillard auf: Die Berliner Zigarettenfabrik Paicos brachte schon im November 1948 eine eigene Kent heraus. Die amerikanische Kent fertigte überwiegend die deutsche BAT-Tochter; die ältesten von Zigsam dokumentierten Packungen stammen aus den späten 1960er Jahren und nennen Lorillard als Markeninhaberin, ab den 1980er Jahren Brown & Williamson, ab 2002 eine BAT-Markengesellschaft. Die jüngste deutsche Packung dort ist von 2005; bis mindestens 2013 fertigte BAT Germany Kent noch für den Export, etwa nach Lettland, Litauen, Österreich und Ungarn.
| Linie | Kennzeichen | In Deutschland belegt |
|---|---|---|
| Kent (Paicos, Berlin) | eigene Marke der Paicos KG, älter als die amerikanische Kent | ab November 1948, Filterversion frühe 1960er Jahre |
| Kent Deluxe Length / Deluxe 100s | Langformat, erst Softpack, später Klappschachtel mit 19 Stück | späte 1960er Jahre bis 2005 |
| Kent King Size | Klappschachtel | späte 1970er Jahre bis um 1990 |
| Kent Golden Lights | leichtere Sorte, hergestellt bei Landewyck in Luxemburg | späte 1970er Jahre |
| Kent Lights | leichtere Sorte, 19er-Klappschachtel | um 1990 und 1990er Jahre |
| Kent Golden One, Kent Silver Four | leichte Sorten | 1999 |
In der aktuellen Markenübersicht von BAT Germany fehlt Kent, belastbare Marktanteilszahlen für Deutschland liegen nicht vor. Für Packungssammler hilft der aufgedruckte Markeninhaber bei der Datierung.
Namensherkunft: ein Präsident und ein englischer Klang
Den Namen wählte im Oktober 1950 Lorillards Vizepräsident Robert M. Ganger, der aus der Werbebranche kam. Er wollte Herbert A. Kent ehren, den damaligen Präsidenten, der nach mehr als 25 Jahren im Unternehmen vor dem Ruhestand stand. Weitere Gründe waren nach Gangers späterer Aussage ein kurzes Wort, die Sympathie des Großhandels für einen geachteten Branchenmann und ein englischer Klang, wie ihn schon Chesterfield, Pall Mall, Philip Morris und Parliament pflegten (siehe Großbritannien). Kent ist zudem der Name einer englischen Grafschaft.
Der englische Bürstenhersteller G. B. Kent & Sons, dessen Haus auf das Jahr 1777 zurückgeht, verklagte Lorillard im November 1952 wegen des Namens und der weiß-goldenen Packung mit Burg. Ein Bundesgericht in New York gab im August 1953 Lorillard recht: Bürsten und Zigaretten seien zu verschieden, um verwechselt zu werden. Das US-Patentamt, das „Kent“ zunächst als bloßen Familiennamen abgelehnt hatte, trug die Marke im April 1953 ein.
Kontroversen und Regulierung: der Asbestfilter
Von März 1952 bis mindestens Mai 1956 enthielt der Micronite-Filter neben Krepppapier, Baumwolle und Acetat Krokydolith, die am stärksten krebserregende Asbestart, geliefert von Hollingsworth & Vose aus Massachusetts; Mitte 1956 stellte Lorillard auf Celluloseacetat um. Eine 1989 im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie über 33 Arbeiter der Filterfertigung zählte 28 Todesfälle, 18 davon durch asbestbedingte Krankheiten. Klagen erkrankter Arbeiter und früherer Raucher beschäftigten US-Gerichte bis in die 2010er Jahre; zu den Folgen des Rauchens allgemein siehe Gesundheit. In der EU sind seit 2003 Bezeichnungen wie „Lights“ verboten, Menthol und Aromakapseln wie bei den Convertibles spätestens seit Mai 2020 (siehe Recht).
Quellen
- Kent (cigarette) – Wikipedia (englisch) – https://en.wikipedia.org/wiki/Kent_(cigarette)
- G. B. Kent & Sons, Ltd. v. P. Lorillard Co., 114 F. Supp. 621 (S.D.N.Y. 1953) – Caselaw Access Project, Harvard Law School – https://static.case.law/f-supp/114/html/0621-01.html
- FairWarning / Times Union: Deadly product made deadlier – „Micronite“-Filter mit Asbest (26. Oktober 2013) – https://www.timesunion.com/local/article/Deadly-product-made-deadlier-4929475.php
- Markenlexikon brandslex.de – Kent – https://www.brandslex.de/markenlexikon/cover/k/markenlexikon-kent
- British American Tobacco – Annual Report 2012 (PDF) – https://www.bat.com/content/dam/batcom/global/main-nav/investors-and-reporting/reporting/combined-annual-and-esg-report/previous-annual-reporting/Annual-Report-2012-43-mb.pdf
- British American Tobacco – Annual Report 2025 (PDF) – https://www.bat.com/content/dam/batcom/global/main-nav/investors-and-reporting/reporting/combined-annual-and-sustainability-report/BAT_Annual_Report_2025.pdf
- TIME: Rumania – Butting In (12. Februar 1979) – https://time.com/archive/6854080/rumania-butting-in/
- Zigsam – The Austrian Cigarette Collection: Kent (Packungen bis 2013) – https://www.zigsam.at/B_Kent1.htm
- British American Tobacco Germany – Unsere Marken – https://www.bat.de/marken-und-produkte/unsere-marken
- Center for the Study of Tobacco and Society, University of Alabama: Big Tobacco in the Big Apple – TV Commercial Gallery – https://csts.ua.edu/btba/mass-media/tv-radio/gallery/
Hinweis zur Quellenlage: 1) Filterumstellung: Die englische Wikipedia nennt Asbest „von März 1952 bis mindestens Mai 1956“ und die Umstellung auf Celluloseacetat „Mitte 1956“; FairWarning nennt Mai 1956 und berichtet, dass Restbestände noch einige Monate verkauft wurden. Die NEJM-Studie von 1989 (Talcott u. a.) spricht von einer Filterfertigung mit Krokydolith von 1951 bis 1957, ein Bericht von Myron Levin (1987) zitiert eine Lorillard-Firmenschrift, die den „verbesserten“ Filter auf Februar 1957 datiert. Im Text steht daher „bis mindestens Mai 1956“. 2) Herbert A. Kent: Das Urteil von 1953 belegt nur, dass er im Oktober 1950 Präsident war und nach mehr als 25 Jahren im Unternehmen vor dem Ruhestand stand. brandslex nennt eine Präsidentschaft von 1942 bis 1952, FairWarning spricht von einer kurzen Amtszeit; die Amtsdauer bleibt offen und wird im Text nicht genannt. 3) Einführungsjahr: Der Wikipedia-Artikel „Tar derby“ nennt 1951; laut Urteil gab es im Januar 1952 erste kleine Verkäufe, die offizielle Einführung folgte am 26. März 1952. 4) Absatz: Die rund 13 Milliarden Zigaretten bis Mai 1956 sind eine Schätzung (Wikipedia, FairWarning); brandslex nennt rund 500 Millionen Packungen mit Asbestfilter. 5) „Cancer by the Carton“: Die englische Wikipedia datiert die Artikelserie in Reader’s Digest nur auf „etwa dieselbe Zeit“ wie die Einführung; das genaue Erscheinungsdatum wurde nicht geprüft. 6) Die 18 asbestbedingten Todesfälle der NEJM-Studie stammen aus dem FairWarning-Bericht; das Abstract (PubMed 2552314) nennt 28 Todesfälle bei 8,3 erwarteten, darunter 15 durch Krebs (5 Mesotheliome) und 5 durch Asbestose. 7) Deutschland: Alle Packungsdaten stammen aus dem Sammlerverzeichnis Zigsam, dessen Datierungen teils nur ungefähr sind („late 1960's“, „1980's“). Wann die amerikanische Kent erstmals und zuletzt regulär in Deutschland verkauft wurde, ist nicht belegt. Zur Berliner Paicos-Kent nennt Zigsam für die erste 5er-Packung November 1948 bis Dezember 1951, die Website der Familie Paicos (paicoszigaretten.com) eine starke Bewerbung 1952/53; wie lange die Marke lief und ob es einen markenrechtlichen Zusammenhang mit der späteren BAT-Kent gab, ist offen. Dass Kent heute nicht regulär in Deutschland angeboten wird, ist nur aus der Markenübersicht von BAT Germany (abgerufen im September 2026) abgeleitet. Marktanteile für Deutschland wurden nicht gefunden. Eine deutschsprachige Wikipedia-Seite zur Marke existiert nicht. 8) Sortimentsangaben (Deluxe Length, Golden Lights, Kent III, Mentholversionen, Futura/Neo/Infina, Nanotek, HD, Surround) beruhen auf datierten Sammlerpackungen, nicht auf Einführungsdaten des Herstellers. 9) Fernsehwerbung: Die englische Wikipedia nennt die zweite Staffel der „Dick Van Dyke Show“, das Archiv der University of Alabama datiert die Spots auf „circa 1962“ bis „circa 1964“. 10) Relaunch 1997, Absatz 2012 und die Angaben zu den Convertibles stammen allein aus dem BAT-Geschäftsbericht 2012; „globale Hauptmarke“ nach dem Glossar des Geschäftsberichts 2025 (Global Drive Brands: Kent, Dunhill, Pall Mall, Lucky Strike, Rothmans). 11) Rumänien: Die 90 Prozent (Time, 1979) beziehen sich auf den Anteil von Brown & Williamson International am rumänischen Zigarettenimport, nicht allein auf Kent. 12) Lorillard-Werke: Jersey City und Louisville für die 1950er Jahre nach FairWarning, die Verlagerung aus Jersey City nach Greensboro 1956 nach brandslex. 13) Logo: Die Commons-Datei „Kent logo navy.png“ ist als PD-textlogo eingestuft (Herkunft laut Dateiseite antipod.ch, Datierung „c. 2000s“); die Wortmarke ist markenrechtlich geschützt. Die Datei „Kent logo BAT.png“ steht unter CC BY-SA 4.0 und wurde nicht verwendet. 14) Planungsnotiz korrigiert bzw. präzisiert: Hersteller ist außerhalb der USA BAT, in den USA R. J. Reynolds (BAT-Tochter); „in Deutschland lange vertreten“ trifft für die späten 1960er Jahre bis mindestens 2005 zu, aktuell führt BAT Germany die Marke nicht.