Lord
Die Lord Extra von 1962 gilt als Wegbereiterin der Leichtzigaretten in Deutschland und rückte in den 1970er Jahren bis auf Platz zwei der meistverkauften Marken vor. Die Seite verfolgt den Weg des Namens von der Frankfurter Nestor Gianaclis über die Cigarettenfabrik Kristinus, die Bremer Martin Brinkmann AG und Rothmans bis zu British American Tobacco und stellt Sortiment, Werbung, Sammlerstücke und die heutige Marktstellung vor.
| Eingeführt | Lord Extra 1962; Markenname Lord zuvor bei Nestor Gianaclis, Frankfurt am Main (Packung um 1940 belegt), Neustart durch Kristinus im Juni 1953 (Zigsam) |
|---|---|
| Hersteller | British American Tobacco (Germany) GmbH, Hamburg, seit 2000; zuvor Cigarettenfabrik Kristinus (ab 1957 Teil von Martin Brinkmann, Bremen; ab 1972 Rothmans International) |
| Slogans | „Leichter Genuss im Stil der neuen Zeit“ (1960er Jahre, laut Brandslex); „So leicht kann Genuss sein“ (BAT, 2001–2005) |
| Werbung | 1960er Jahre: Agentur Holzschuher, Bauer & Ulbricht (Düsseldorf) und Illustrator Gerry Fancett |
| Sorten (belegt) | Lord (Filter), Lord Extra, Lord Extra 100, Lord Ultra, Lord Lights, Lord Ultima, Lord Blue, Lord Gold; heute nur Lord Extra belegt |
| Marktstellung | 1972 Platz zwei in Deutschland (Brandslex); 2,5 % Marktanteil Januar bis April 2000, Platz zehn mit 1,8 % im Jahr 2003 (Angaben von BAT) |
| Produktion | Brinkmann-Gruppe, ab den 1970er Jahren vor allem West-Berlin; danach Rothmans-Werk Zevenaar (Niederlande) und BAT-Werk Bayreuth; seit 2016 andere europäische BAT-Werke (Brandslex) |
Zur Einordnung: Dieses Markenlexikon dokumentiert Zigarettenmarken neutral als Teil der Konsum- und Wirtschaftsgeschichte. Es enthält keine Bezugsquellen und keine Empfehlung. Rauchen schädigt die Gesundheit – sachliche Informationen dazu stehen unter Gesundheit, Wege aus dem Konsum unter Rauchstopp.
Ursprung: ein Name aus Frankfurt
Die Geschichte der Marke beginnt nicht mit der Lord Extra, sondern mit ihrem Namen. Ihn führte zuerst die Nestor Gianaclis Cigarettenfabrik in Frankfurt am Main, 1910 von der Familie des griechischen Tabakfabrikanten Nestor Gianaclis aus Kairo gegründet. Die deutschsprachige Wikipedia verbindet die Marke Lord mit nikotinarmen Zigaretten, für die das Unternehmen 1931 eine Zulassung beantragte; das Sammlerverzeichnis Zigsam belegt eine Lord Gold aus Frankfurter Fertigung um 1940. Im Zweiten Weltkrieg, als der Betrieb nach Zigsam zerstört wurde, verschwand die Marke zunächst vom Markt.
Den Neubeginn besorgte die Cigarettenfabrik Kristinus, die der Wiener Jurist Friedrich Kristinus 1949 gegründet hatte und die mit Marken wie Prince of Wales und Windsor ohnehin auf britische Vornehmheit setzte. Zigsam datiert die Rückkehr von Lord auf Juni 1953; aus den späten 1950er Jahren ist eine Lord mit „Mikro-Feinfilter“ in einer Kunststoff-Klappdose zu 50 Stück überliefert. 1957 kam Kristinus nach Angaben des Markenlexikons Brandslex zum Bremer Tabakhersteller Martin Brinkmann, dessen Eigentümer Wolfgang Ritter der Schwager des Gründers war.
Lord Extra und die leichte Welle der 1960er Jahre
1962 brachte Kristinus die Lord Extra heraus, eine nikotinarme Filterzigarette. Brandslex lässt mit ihr die Ära der Leichtzigaretten in Deutschland beginnen: Mildere Sorten hatte es zwar schon gegeben, geraucht wurden bis in die 1960er Jahre aber überwiegend filterlose Zigaretten. Unter dem Slogan „Leichter Genuss im Stil der neuen Zeit“ sprach die Marke Raucher an, die eine mildere Zigarette suchten, und hatte damit Erfolg: Brandslex zählt sie neben Ernte 23, HB und Peter Stuyvesant zu den erfolgreichsten deutschen Zigaretten jener Jahre.
Die Konkurrenz zog nach, etwa mit Atika von Reemtsma, mit Kim, Auslese und Krone von BAT beziehungsweise Simon Arzt oder mit der Milden Sorte der Austria Tabakwerke. Einen wichtigen Teil ihrer Kundschaft fand die Lord Extra laut Brandslex bei Frauen, die seit den 1960er Jahren häufiger rauchten und leichtere Marken bevorzugten. Ab 1969 gab es sie in der festen Klappschachtel, und 1972 rückte sie nach derselben Quelle auf Platz zwei der meistverkauften Marken in Deutschland vor. Zigsam belegt zudem Exporte, etwa nach Österreich von 1972 bis 2007, und Lizenzfertigungen in der Schweiz und in Jugoslawien.
Hersteller und Produktion
Mit Brinkmann stand eines der großen Häuser der deutschen Tabakindustrie hinter der Marke. 1966 stieg die südafrikanische Rembrandt-Gruppe um Anton Rupert mit einer Minderheit ein, 1972 übernahm sie den Rest und gliederte Brinkmann in die Rothmans International ein, zu der auch Rothmans und Dunhill gehörten. Wegen der Berlin-Förderung verlagerte der Konzern die Zigarettenfertigung in den 1970er und 1980er Jahren schrittweise nach West-Berlin. Als die Subventionen nach der Wiedervereinigung ausliefen, schloss das Berliner Werk; die Produktion ging laut Brandslex an das Rothmans-Werk im niederländischen Zevenaar.
Mit der Fusion von Rothmans und British American Tobacco kam die Marke 1999 zu BAT. In Deutschland wurde der Zusammenschluss Anfang 2000 wirksam; neben Lord Extra wechselten auch Golden American und Winfield ins Portfolio. Gefertigt wurde die Lord Extra danach im BAT-Werk Bayreuth, bis der Konzern ab 2016 die Zigarettenherstellung von dort in andere europäische Werke verlagerte. Auch die Wiege des Namens landete im selben Konzern: Die Nestor Gianaclis Cigarettenfabrik GmbH, zuletzt mit Sitz in Bremen, wurde 2002 auf die British American Tobacco Germany GmbH verschmolzen.
Sortiment
Die Übersicht stützt sich auf datierte Sammlerpackungen; die Zeiträume zeigen Belege, nicht zwingend die gesamte Laufzeit einer Sorte.
| Sorte | Einordnung | Belegt | Heute |
|---|---|---|---|
| Lord (Filter) | ältere Filterzigarette, in den 1960er Jahren in Schiebeschachteln zu neun und zehn Stück | späte 1950er bis 1980er Jahre | nicht mehr belegt |
| Lord Extra | nikotinarme Leitsorte | seit 1962 | aktiv |
| Lord Ultra, Ultra 100 | noch leichtere Variante | späte 1970er Jahre bis 2002 | nicht mehr belegt |
| Lord Extra 100 | Langformat der Leitsorte | 1990er Jahre bis 2002 | nicht mehr belegt |
| Lord Lights | leichte Zwischenstufe | 1990er Jahre | nicht mehr belegt |
| Lord Ultima, Ultima 100 | leichteste Stufe | 1990er Jahre bis 2002 | nicht mehr belegt |
| Lord Blue, Blue 100, Lord Gold | Sorten nach dem Verbot von „Lights“ und „Ultra“ | 2005 | nicht mehr belegt |
Werbung, Design und Sammlerstücke
Die Werbung der 1960er Jahre setzte auf Farbe und Bewegung. Die Anzeigen- und Plakatmotive der Düsseldorfer Agentur Holzschuher, Bauer & Ulbricht und des englischen Illustrators Gerry Fancett zeigten gut gelaunte Menschen bei Sport und Freizeit; Friedrich Kristinus wollte damit nach Brandslex Atmosphäre, Dynamik, Temperament und Unbeschwertheit vermitteln. Anfang der 2000er Jahre stellte BAT die Marke unter der Zeile „So leicht kann Genuss sein“ als Klassiker mit unverwechselbarem Geschmack vor. Präsent war sie auch auf der Leinwand: An der Simmel-Verfilmung „Bitte laßt die Blumen leben“ von 1986 bemängelte die Kritik unter anderem Schleichwerbung für Lord Extra (mehr unter Zigarettenwerbung in Kino und Fernsehen).
Das jüngere Erscheinungsbild beschreibt das Übersee-Museum Bremen, das eine Lord-Extra-Schachtel mit Bildwarnhinweis in seinen handelskundlichen Sammlungen verwahrt: weißer Grund, blau-rote Schrift und ein goldenes Wappen. Für Packungssammler ist die Marke ergiebig. Zigsam verzeichnet unter anderem Gratispackungen mit drei Zigaretten, die in den 1960er Jahren über Lufthansa ausgegeben wurden, Großpackungen mit 48 und 50 Stück aus den 1970er und 1980er Jahren sowie eine Sonderedition „35 Jahre Lord Extra“ von 1997, deren Motive Plakate der 1960er Jahre aufgreifen (mehr zur Geschichte des Packungsdesigns).
Marktstellung in Deutschland
Ihre stärkste Zeit hatte die Lord Extra in den 1960er und 1970er Jahren, doch auch Jahrzehnte später war sie eine feste Größe. Für Januar bis April 2000 wies BAT einen Marktanteil von 2,5 Prozent aus; damit war sie hinter HB, Lucky Strike und Gauloises Blondes die viertgrößte Marke im deutschen Sortiment des Konzerns, noch vor Pall Mall und Prince. 2001 bezeichnete BAT sie als drittgrößte Leichtmarke des deutschen Marktes. Für 2003 nannte das Unternehmen für die Lord-Familie Platz zehn unter den deutschen Marken mit 1,8 Prozent und zählte sie gemeinsam mit HB zu den Stützen des Portfolios, getragen von einer großen Zahl markentreuer Raucher.
Seither ist es still um die Marke geworden. In der aktuellen Markenübersicht von BAT Germany taucht sie nicht mehr auf, und aktuelle Zahlen zum Marktanteil ließen sich nicht finden. Verschwunden ist sie dennoch nicht: Nach der deutschsprachigen Wikipedia wird Lord Extra weiterhin von BAT produziert, und die Schachtel im Übersee-Museum trägt bereits die seit 2016 vorgeschriebenen Bildwarnhinweise. Aus der einstigen Nummer zwei ist damit eine Nebenmarke im Portfolio von BAT geworden.
Namensherkunft
Eine Erklärung des Namens ist nicht überliefert. „Lord“, der englische Adelstitel, steht für Rang und Lebensart; bemerkenswert ist, dass schon die Frankfurter Nestor Gianaclis, ein Haus mit griechischen Wurzeln, auf den englischen Titel setzte. Bei Kristinus passte der Name zu einem Sortiment, das mit Prince of Wales und Windsor ebenfalls britische Vornehmheit beschwor, und das goldene Wappen auf der jüngeren Schachtel führt dieses Bild fort. Der Zusatz „Extra“ unterschied 1962 die neue nikotinarme Sorte von der bestehenden Lord mit Filter, die Zigsam für dieselben Jahre belegt. Britische Vorbilder behandelt die Seite Großbritannien, weitere Marken das Markenlexikon.
Regulierung
Weil Bezeichnungen wie „Light“, „Mild“ oder „Ultra“ eine geringere Schädlichkeit nahelegen, die sich nicht bestätigt hat, verbot die EU-Richtlinie 2001/37/EG sie ab dem 30. September 2003 (Hintergründe unter Recht und Gesundheit). Lord Lights, Ultra und Ultima sind danach nicht mehr belegt; für 2005 verzeichnet Zigsam stattdessen Lord Blue und Lord Gold. Die Lord Extra behielt ihren Namen. Seit 2016 tragen die Schachteln großflächige Bildwarnhinweise, und die früher aufgedruckten Messwerte sind entfallen.
Sorten im Lexikon
Quellen
- Markenlexikon Brandslex – Lord Extra – https://www.brandslex.de/markenlexikon/cover/l/markenlexikon-lord-extra
- Zigsam – The Austrian Cigarette Collection: Lord (Packungen von etwa 1940 bis 2017) – https://www.zigsam.at/B_Lord.htm
- Nestor Gianaclis Cigarettenfabrik – Wikipedia (deutsch) – https://de.wikipedia.org/wiki/Nestor_Gianaclis_Cigarettenfabrik
- Martin Brinkmann AG – Wikipedia (deutsch) – https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Brinkmann_AG
- British American Tobacco Germany: Aktuelle Marktanteile, Stand Januar bis April 2000 (Internet Archive) – https://web.archive.org/web/20000621192413/http://www.bat.de:80/marken_produkte/stats/main_1.html
- British American Tobacco Germany: Hauptmarken, 2001 (Internet Archive) – https://web.archive.org/web/20010416234316/http://www.bat.de:80/marken_produkte/hauptmarken.html
- British American Tobacco Germany: Marken & Produkte – Einleitung, Stand Februar 2004 (Internet Archive) – https://web.archive.org/web/20040215174730/http://www.bat.de:80/_default/_a/wykm2u/_default/MarkenProdukte
- British American Tobacco Germany – Unsere Marken – https://www.bat.de/marken-und-produkte/unsere-marken
- Übersee-Museum Bremen: Zigarettenschachtel „Lord Extra“ (Inv.-Nr. H04935), museum-digital – https://global.museum-digital.org/object/4247934
- Bitte laßt die Blumen leben – Wikipedia (deutsch) – https://de.wikipedia.org/wiki/Bitte_la%C3%9Ft_die_Blumen_leben
Hinweis zur Quellenlage: 1) Ursprung des Namens: Die deutschsprachige Wikipedia schreibt, Nestor Gianaclis habe 1931 „unter der Marke Lord“ die erste nikotinarme Zigarette herausgebracht, nennt im Produktabschnitt aber schon für 1931 den Namen „Lord Extra“; der Einzelnachweis ist ein Hinweis in der Zeitschrift für angewandte Chemie von 1931 zu einem Zulassungsantrag. Im Text daher nur „vor dem Zweiten Weltkrieg“ bzw. der Zulassungsantrag von 1931; die Lord Gold um 1940 stammt aus Zigsam. 2) Weg des Namens zu Kristinus/Brinkmann: Zigsam nennt eine Wiedereinführung durch Kristinus im Juni 1953, die Wikipedia eine Lizenz der Nestor Gianaclis an Brinkmann; das Verhältnis beider Angaben ist ungeklärt. 3) Nur über Brandslex belegt: Gründung von Kristinus 1949 durch Friedrich Kristinus (1913–1995), Zugehörigkeit zu Brinkmann ab 1957, Schwagerschaft mit Wolfgang Ritter, der Slogan „Leichter Genuss im Stil der neuen Zeit“, Agentur und Illustrator, die Rolle von Frauen als Zielgruppe, die Klappschachtel ab 1969, Platz zwei 1972, die Verlagerung nach West-Berlin und Zevenaar sowie die Fertigung in anderen europäischen BAT-Werken seit 2016 (Kroatien, Polen, Rumänien, Ungarn, ohne Zuordnung zu einzelnen Marken). Brandslex nennt außerdem 100 Millionen verkaufte Stück für 1963; die Zahl wurde mangels Zweitquelle nicht übernommen. 4) Lord Ultra: Brandslex nennt „Anfang der 1980er Jahre“, Zigsam verzeichnet bereits eine Packung „late 1970's“. 5) Berliner Werk: Brandslex nennt 1997 für die Schließung; die Rothmans-Seite dieses Lexikons nennt den 30. Juni 1995 für das Berliner Werk der deutschen Rothmans-Gesellschaft. Ob es dasselbe Werk ist, bleibt offen; im Text ohne Jahr. 6) Rothmans-Zugehörigkeit: Wikipedia (Martin Brinkmann AG) nennt „ab 1992“, Brandslex die Eingliederung 1972; übernommen wurde 1972, passend zur vollständigen Übernahme durch die Rupert-Gruppe im selben Jahr. 7) Status: BAT Germany führt Lord nicht mehr in seiner Markenübersicht. Die jüngsten unabhängigen Belege für Produktion und Vertrieb sind die Wikipedia (Ergänzung vom Februar 2023: „noch immer von BAT produziert“), die Packung mit Bildwarnhinweis im Übersee-Museum (Eingang Februar 2021) und eine Duty-Free-Packung von 2016 (Zigsam). Ein Herstellerbeleg für 2026 liegt nicht vor; „aktiv“ ist daher eine Einschätzung nach Aktenlage. 8) Markeninhaber: Zigsam führt bis 2016 die Cigarettenfabrik Kristinus als „Trade Mark Owner“; ein Registerauszug wurde nicht geprüft. 9) Sortenzeiträume beruhen auf datierten Sammlerpackungen (teils nur nach Jahrzehnten datiert) und sind keine gesicherten Einführungs- oder Einstellungsjahre. Ob Lord Blue und Lord Gold die Nachfolger von Ultra und Ultima waren, ist nicht belegt. 10) Marktanteile 2,5 % (Januar bis April 2000) und 1,8 % (2003, Platz zehn) sowie „drittgrößte Leichtmarke“ (2001, gleichlautend 2005) sind Unternehmensangaben von BAT auf der archivierten Website. 11) Die Schleichwerbungs-Kritik an „Bitte laßt die Blumen leben“ ist nur über die Wikipedia belegt; die dort zusammengefassten Kritiken wurden nicht einzeln eingesehen. 12) Die Commons-Kategorie „Lord (cigarettes)“ enthält nur zwei Packungsfotos, keine Wortmarke; die heutige Marke mit Wappen wäre ohnehin keine reine Textmarke. Daher kein Logo.